Surrealismus im Alltag

Du begegnest jemandem auf der Strasse, auf dem Weg zum Bäcker oder zum Türken, du glaubst, ihn zu kennen. Er kennt dich nicht, augenscheinlich, denn er läuft schnurstracks an dir vorbei, ohne auf dich zu achten. Einen Augenblick später ist er verschwunden. Du wunderst dich und glaubst deinen Augen und deinem Verstand nicht mehr trauen zu können, es ist keine Strassenecke in der Nähe, die Strassenführung biegt weder ab noch kreuzt sie eine andere –
Du sitzt nachdenklich und zeitverloren in einem schäbigen Cafe in der Innenstadt, rührst lustlos mit dem Löffel in der Kaffeetasse, da bemerkst du, dass dich jemand beobachtet – Es ist eine Frau, eine junge, hübsche noch dazu – sie schaut dich neugierig an und lächelt flüchtig dabei. Du kennst sie nicht, aber sie gefällt dir sofort. Sie scheint schon eine geraume Weile hier zu sitzen, das Weinglas ist beinahe leergetrunken, sie schaut immer noch neugierig und ohne jegliche Scheu zu dir herüber. Du willst dir ein Herz fassen und sie vorbereiten, wälzt ein paar Gedankenfetzen, die halbwegs intelligent klingen sollen – da steht sie auf und geht zur Toilette. Du wartest also, bis sie wiederkommt.
Sie kommt nie mehr wieder. Sie hat weder bezahlt noch den Wein ausgetrunken.
Du hast mit deinem zweiflerischen Verstand ein paar Leute, die du unterwegs triffst, verunsichert, indem du ihnen diese kleinen Geschichtchen erzähltest. Sie glauben dir kein Wort. Und so bist du noch unsicherer als sonst.
Inzwischen ist es früher Abend, die Sonne geht zeitig unter an diesem Novembertag. Du willst nach Hause gehen und den Feierabend geniessen, da begegnet dir eine bekannte Gestalt weit vorne in einer Entfernung von nahezu einhundert Metern, wiederum ist es eine Frau, und du meinst sie zu kennen.
Du läufst auf sie zu, bist gespannt darauf, ob sie dich auch kennt, aber aus wenigen Metern Entfernung macht sie kehrt und biegt in eine kleine Seitengasse ein – Als du die Seitengasse erreicht hast, nur wenige Augenblicke später, ist von der Frau keine Spur  zu sehen. Du bist versucht, einen Jungen nach der Frau zu fragen, aber der schaut dich nur so frech an, dass du dazu schnell keine Lust mehr verspürst. Wohin ist die Frau entschwunden, fragst du dich.
Du stellst dir diese Frage noch, als du in deinem Bett liegst, im Dunkeln, und die Bilder des Tages sich nach und nach von dir verabschieden.
Dann hast du diesen Traum, diesen einen. Der Unbekannte und die beiden Frauen stehen am Ende deines Bettes und schauen auf dich herab. Sie sprechen nicht, sie atmen nicht, sie schauen nur mit weit aufgerissenen, staunenden Augen auf die Bettstatt.
Einerseits beschliesst du, nicht wieder einzuschlafen, abzuwarten, ob die Gestalten doch noch etwas sagen werden – Andererseits willst du gerne diesen seltsamen Traum wegschieben ins Nichts, er ist das grösste Rätsel, mit dem du jemals konfrontiert wurdest. Wie eine Spinnwebe willst du ihn fortwischen – Spinnweben bleiben meist an den Fingern hängen, fällt dir ein. Die Drei stehen noch immer reglos vor dir und schauen auf dich herab. Allmählich erhebt sich die Dämmerung des neuen Tages, du hast zu schlafen versucht, weil die Drei dir allmählich lästig werden – Sie schweigen hartnäckig und bewegen sich dabei kaum.  Dann schläfst du doch noch ein.
Über Nacht hat das Wetter umgeschlagen, es ist kälter und ein leichter Regen rinnt, ohne dass man ihn hört bei dem geschlossenen Fenster. Du schaust auf das Bettende: die Drei sind verschwunden. Ehe der Wecker klingelte bis du aufgewacht, du stehst auf, ein wenig erleichtert, denn die ganze Geschichte kommt dir sehr merkwürdig vor, du weisst immer noch nicht, ob du wirklich wach gewesen bist oder nicht.
In der Strassenbahn siehst du sie wieder, eine der Frauen. Die erste Gestalt, die du gestern auf der Strasse gesehen hast. Sie lächelt dich an, es ist kein als-ob-Lächeln, sie kennt dich wirklich, dessen bist du dir sicher. Und sie trägt die gleichen Kleider wie in der Nacht. Als du aussteigst siehst du sie ebenfalls die Strassenbahn verlassen, am Hintereingang – Und du siehst auch, dass sie dir folgt.
Zu deinem Arbeitsplatz sind noch zehn Minuten zu gehen, dieses Mal kommt dir der Weg viel länger vor. Die Frau folgt dir nicht weiter. Sie bleibt jetzt stehen und schaut dir nach, sie winkt sogar. Es wirkt seltsam vertraut.

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