Was Marianne von der Leyen alles so macht im Jahr 2010

Ein Gespenst geht um in Blieskastel – Das Gespenst einer Person, die zwar im Jahre 1805 gestorben ist, aber sich noch immer als Schirmherrin dieser Stadt sieht. Sie greift niemanden an, sie ist keine vampirische Blutsaugerin, sie sucht niemanden heim, aber ihre Gestalt ist wohlbekannt & ihr Name in aller Munde. & dabei ist sie nicht einmal die bundesdeutsche Ministerin mit Vornamen Ursula, sie ist einmal Landesherrin dieses Teils des Bliestals gewesen. Das war vor langer, langer Zeit.

An jedem Tag um die Mittagsstunde trippelt eine zierliche Frauengestalt durch die Gassen & Strassen von Blieskastel, für jederman/frau jedoch unsichtbar, nur ein kleiner, ausgesuchter Kreis von Begnadeten bildet die Ausnahme, kann sie leiblich sehen & hören, ihre Stöckelschuhe klappern fröhlich auf dem Pflaster, ihre Stimme ist leise & heiser vom Staub der Jahrhunderte, aber ihr Gang ist aufrecht & einer Gräfin durchaus angemessen. Ich gehöre zu diesem auserlesenen Kreis der Glücklichen, die sie sehen, berühren & mit ihr sprechen dürfen – & obschon sie ein Gespenst ist, fürchte ich mich keineswegs vor ihr. Im Gegenteil, ich finde Frauen als Gespenster am attraktivsten. Sie hingegen, sagte sie mir erst vorige Woche, ist ein wenig unglücklich in letzter Zeit. Da sie ihr Dasein in Blieskastels alten Mauern verbringen muss, kennt sie sich nicht mehr richtig aus, es habe sich so vieles verändert, & nicht einmal zum Vorteil – Das Automobilzeitalter macht ihr noch nach über einhundert Jahren zu schaffen, sie ist immer noch nicht richtig darüber hinweggekommen, dass es keine Pferdekutschen mehr gibt. Doch habe ich sie zu trösten versucht, sagte ihr, sie habe doch Spass gefunden an den PCs und an den Mobilfunkgeräten, mit denen sie überallhin kommunizieren kann, die kreuz-die-quer, & sie hat gelächelt, still vor sich hingelächelt, als sie meine Sätze vernahm. Sie ist schon ein kleines, schrulliges Wesen, diese Gräfin, muss ich sagen. Sie sieht übrigens viel hübscher aus als auf den alten Gemälden, & die Angst vor den Franzosen & ihrer peinlichen Revolution trägt sie nicht mehr in ihren Augen mit sich spazieren.

Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die letzten Relikte aus ihrer Zeit besonders stark & intensiv zu behüten, die Überreste des alten Schlosses, das die Franzosen zerstörten, und die Schlossberghäuser, wo ihre Beamten drin wohnten, zählen zu ihren ganz besonderen Lieblingen, die es zu erhalten gilt. Ausserdem viele alte Häuser in der ehemaligen Innenstadtmitte ihrer Zeit, dort sieht man sie am häufigsten zu Werke gehen, sie spricht mit den alten ehrwürdigen Mauern in einer Sprache, die niemand versteht, sie sagt, es sei die Sprache des Weltalls, & sie wäre heilsam, diese Sprache, es würde die Mauern weiter erhalten, für viele Jahrhunderte noch. Nun gut, ich bin da ein bisschen skeptisch, aber will sie nicht verwirren in ihren frommen Absichten. Was die anderen Auserlesenen über sie denken & sagen, weiss ich nicht, sie teilen sich niemandem mit. Die Gräfin von der Leyen ist in der Auswahl ihrer Verehrer überaus wählerisch vorgegangen, es handelt sich um nur fünfzehn Personen, mich einbegriffen, die das Privileg besitzen, mit ihr kommunizieren zu dürfen, darin ist sie noch ganz Landesherrin & Fürstin ihrer Zeit.

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