Tagebuchblatt_9: 16.08.2010 – Blut gerinnt nur im Wartesaal

bei meiner jetzigen arbeitsstelle auf zeit glaube ich von tag zu tag mehr, dass meine arbeit von hinten nach vorne betrieben wird. irgendwann im mai wurde mir versteckt vorgeworfen, ich hätte meine arbeit in zuvielen schritten voraus begonnen. & heute bekomme ich eine aufgabe auf den tisch, die ich idealerweise vor fünfzehn monaten hätte erledigen sollen. damals hätte ich mir eine solche aufstellung dringend gewünscht.
ist es absicht!? kann man so planlos vorgehen wollen? ich kann es nicht glauben, es ist fast surreal, wie immer, wenn eine zeit für mich zuende geht, ich komme mir dümmer vor als vor zwei jahren.
wem nützt so etwas? ich finde es suspekt, mich derartig im dunkeln im kreis laufen zu lassen & dies auch noch als lebenswichtige aufgabe zu bezeichnen (was sie so unter „lebenswichtiger aufgabe“ verstehen). an jedem tag meines bisherigen arbeitsablaufes hier bekam ich einen schalen geschmack bei den überlegungen nach dem sinn dieser arbeit, einen gebäudekataster zu erstellen.
es ist ein wartesaal, der einhundert kilometer lang & 20 kilometer breit ist. kein spiegel, keine lautsprecheranlage, keine türen, nur fenster, raumhoch & mit halbblinden scheiben versehen, ich sehe keinen ausgang, keine lichter, ausser dem fahlen tageslicht, alles ist in grau-weissen farben gehalten, auch das licht. geräusche von fahrenden zügen, die von dampflokomotiven gezogen werden, dringen hier herein, wie aus einer anderen zeit. & zu allem überdruss bin ich noch verletzt & blute unaufhörlich – & ich warte, dass das blut hier drin endlich gerinnen wird.

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