Ein blieskasteler sommer geht zu ende – oder: wie irrtuemer entstehen & zu ende gedacht werden koennen

 
Grand Hotel Tivoli im Januar 2010

 

was geschieht, wenn eine persoenlichkeit des oeffentlichen lebens stirbt? die welt geht unter, die voegel koennen vor gram nicht weitersingen? die kirchenglocken schweigen, in der blies schwimmen kleine stueckchen trauerflor?
nichts geschieht von alledem, ein halber oder ein ganzer staatsakt stehen auf dem festprogramm, weiter nichts.
was geschieht, wenn der sommer geht, leise & verstohlen, kaum spuerbar, auf den wassern der blies liegen erste gelbe blaetter beinahe regungslos, leichenstill – wie´s der herbst so will. selbst die enten sind verstummt. es liegt nicht an den bauarbeiten zum neuen kreisel, bestimmt nicht, es liegt nicht am vermummungsverbot an halloween, es liegt an der tatsache, dass das hotel tivoli verschwunden ist. frueher war es einmal das –       d   a   s    !    – grand hotel im grossraum blieskastel, wo sich die spitzenleute deutschlands & europas die klinke in die hand gaben, wurde es vor einiger zeit zu einem schatten seiner selbst – & heute ist es vom erdboden verschluckt worden. vor dreissig jahren bildete es noch den hauptbestandteil der skyline von blieskastel – heute ist es nicht einmal eine erwaehnung in den blieskasteler nachrichten wert.
der sommer in blieskastel geht auf leisen sohlen, auf sehr leisen.
kulturell, staedtekulturell, von architektonisch grosser attraktivitaet, schafften es seine besitzer seit dem jahre 1975, das hotel herunterkommen zu lassen, es diente am schluss als absteige fuer penner, katzen & graffiti-kuenstler, die ueber das „silke-ich-liebe-dich“-stadium nicht hinauskamen. aber warum sollte ein graf wie fiti sich dort auch laengere zeit aufhalten, wenn der service & der luxus des hotels den bach runtergingen!?
statt birne helene in seinen glanzeiten gab es ab januar diesen jahres die abrissbirne, auch zur mittagszeit, zum dessert. schoene neue welt. dabei sagten besucher & einheimische über das grandhotel, es waere ein echter hammer fuer diese gegend. aber der blaue himmel mag gleichgueltig dreinschauen, diese glanzzeiten sind vorbei.
es erlebte seine glanzzeit in den fuenfziger jahren des vorigen jahrhunderts. diese galante zeit nach dem krieg bildete die keimzelle fuer die darauffolgenden unruhigen jahre der wilden sechziger, sie gingen auch an blieskastel nicht vorüber. was fuer heutige zeitgenossen outrageous waere, damals war es hoechst raffinierte bohemienkultur eines wohlhabenden buergertums, das seinen hauptsitz nicht nur in webenheim, dem nachbarort, hatte, sondern ebenso sehr in diesem hauptort im saarlaendischen bliestal.
in den siebzigern wurde es zunehmend ruhiger mit dem hotelleben – die prominenz blieb aus mit den jahren, doch war es ein schleichender prozess.
& nun kommt der hammer, ist bereits gekommen. wo frueher die suiten sich aussbreiteten für die illustren gaeste in der stadt stehen heutzutage die loecher in der luft, wackelig, baufaellig, hohl & dunkel. genauso, wie die vielen zaungaeste beim abriss loecher in die luft starrten, vielleicht ein abbild dessen, was sie in jenen februar- & maerztagen bereits vorhersahen!? absperrgitter ragen wie gerasterte haizaehne vor dem auge des betrachters auf, loecher in der erde, am berghang, glotzen mit totenschaedelaugen in die gegend, die vegetation ist nahezu ausgemerzt, selbst junge birken wuchsen in den leeren augenhoehlen der glaslosen fenster, die,  eingedrueckt von wind & wetter & den gezeiten der jahreslaeufte, sich dunkel abhoben von den grauen, verwaschenen aussenwaenden. warum nur musste blieskastel den niedergang dieses grossartigen hotels erleben, konnte es nicht gerettet werden, so, wie karstadt gerettet wurde?! anscheinend nicht, hotels bringen der bundesrepublik nicht genügend steuern, seitdem die mehrwertsteuerabgaben für das hotelgewerbe halbiert wurden. aber nach dem fortbestand der staedtischen kultur, die so ueberaus wichtig ist, fragt keiner.
 dabei waere ein hotel, ein gutes, in blieskastel mehr als vonnoeten.     

    

kritische stimmen meinen, ein projekt wie das grand hotel tivoli wäre ´kalter kaffee´, doch dem mag ich einfach nicht zustimmen. schliesslich tat das hotel in seiner aufragenden gestalt ein uebriges zu dem romantischen stadtbild von blieskastel. & der satz ist wahr: dort wo grau vorherrscht, ist auch grau drin. doch: ein altersheim sollte das hotel niemals sein. dann lieber einen abriss veranstalten, der sich ueberdies auch noch sehen lassen kann. so geschehen im jahre 2010, wie man weiss. & die fotos sprechen fuer sich, wie zu sehen ist.
kritische, ja, vernichtend kritische stimmen ueber dieses noble grand hotel konnte ich bisher nicht vernehmen, dabei sollte man immer ein offenes ohr fuer solche tendenzen haben. es ist zu schade, dass eine glorreiche aera nun zu ende gehen soll, mit diesem sommer. weshalb sind die sommerenden in blieskastel nur immer so traurig? gibt es hier keine alternativen?
   

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