In memoriam: Arbeitskollegen

Noch bin ich nicht wütend, noch nicht. Aber was bin ich denn jetzt? Ein halber Kadaver, ein zukünftiger? Ein Hartz-IV-Eurovisions-Gewinner, ein Nobelpreis-Träger der staatlichen Almosen? Die Kollegen tun, was sie immer taten: sie ignorieren mich meistens, über ein läppisches GutenMooorgenHerrKollege kommt niemand hinaus. Fast niemand. Wie geringschätzig ich behandelt werde, kann ich daran erkennen, dass sich niemand irgendwelche Zeit nimmt, sich nur eine Minute mit mir zu beschäftigen. Diese zeitlose Zeitnot läuft wie ein Roter Faden durch meine Geschichte in diesem Gebäude – & ich laufe wie ein Gespenst durch die Räume, ungeliebt, geduldet, billig, zeitlich begrenzt. Fast könnte ich dankbar sein dafür. & daran, dass es die endgültige ultimative Endzeit für mich ist, erkenne ich daran, dass ich willfährig Kurierdienste zwischen den Rathäusern leiste – Eine Art Ponyexpress für interaktive Beamte. Deren Hauptaufgabe das Betätigen der Backspacetaste ist.

 Noch reizt es mich zum Lachen, das ganze Gehabe, oder besser: NichtGehabe, es kann jederzeit umschlagen in blinde Wut & Umsichschlagen. Es gab mal eine Zeit, da hätte ich die Wut & die Kraft dazu gehabt, ist lange her, damals hatte ich meinen Charakter noch in langen Haaren versteckt & musizierte mich um meine Jugend. War nicht schlecht, diese Zeit. Ich hatte ein dünnes Fell, wollte mit Musik & Poesie die Welt verändern, Attila & Dschingis Khan waren Terroristen für mich, die es abzulehnen galt – Diese Welt war nicht in Ordnung.

Nein!

Dies wird auf keinen Fall geschehen. Dafür sorgen schon meine Medikamente, die ich einnehmen muss, um nicht gänzlich durchzudrehen. Aber meine Chuzpe schützt mich zum überwiegenden Teil davor, zu resignieren. „Ist der Ruf erst ruiniert ……..“
Ich werde sie in guter Erinnerung behalten, die lieben Kollegen,  als faule Früchtchen am Baum der beamtischen Selbstzufriedenheit. Immer wieder sage ich mir: lass sie reden, lass sie schweigen/ sie sind nur kleine tote Rädchen in diesem surrealen Reigen.
Weiter möchte ich nicht reimen, denn darauf konnte ich mir noch nie einen Reim machen, was der Sinn meiner bisherigen Tätigkeit war.
Ich hatte meine Chance, sie ist abgelaufen. Vielleicht werden sie sich an mich erinnern als netten, ein bisschen blöden Kerl, der zum Schreien komisch aussieht & daherredet, als wäre Ernest Hemingway auf LSD als Wiedergänger in dieser Stadt gelandet.

Alles nur politische Camouflage. & diese wirkt, & wie sie wirkt. Wer ist hier das Geschwür am Bein des deutschen Volkes!? Wer ist diese schwärende Wunde?!

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