Dritter Oktober 2010 – Wolf in the city, Part 3

saarbruecken, 3. oktober 2010 –
eigentlich wollte ich mit meiner gefaehrtin durch die grosse stadt saarbrücken streunen, ein paar hunde anfallen & fledermaeuse verjagen, aber es waren zuviele menschen unterwegs, die fast alle in eine richtung liefen – diese richtung war mir lange nicht ganz klar, es zog die leute sowohl zur bahnhofstrasse als auch in die entgegengesetzte richtung. fast alle waren festlich herausgeputzt & bunt & farbenfroh wie an einem frühsommertag, & genau diese wunderbaren farben machten mich verrückt. die saarbruecker feierten die wiedervereinigung unserer republik, wie ich dachte, aber da war noch etwas profaneres dabei, wie sich leicht feststellen liess.
meine gefaehrtin witterte dieses mal keine gefahr, die von den menschen ausgehen konnte,  sie berauschte sich an den farben gleichfalls, bekam von mal zu mal groessere Augen & ihr staunen & hunger nach leben ohne beute wurde wieder spürbar. ihr wunsch nach menschsein ist uebergross, sie kostet jede minute aus, die sie unerkannt sein laesst unter den menschen, muessen sie wissen, ich dagegen bleibe lieber tier, mein graues fell, meine pfoten, die kalte schnauze, die ich zwar selten an den tag lege, verbarg ich an diesem sonntag jedoch. sollten die deutschen feiern, ich goennte es ihnen. eine zigeunerswing spielende Gitarrenband spielte am St. Johanner Markt, die flanierenden waren teil einer szenerie, die ich in der steppenlandschaft meiner heimatstadt blieskastel meistens vermisse, es sei denn, napoleon, kaiser von frankreich, oder der papst kommen dorthin zu besuch. was einer von denen gewiss nicht tun wird.
meine gefaehrtin sang sogar auf einer der strassen, ein paar stunden später, umgeben vom autolaerm der nahen autobahn unter uns, wir waren auf der alten bruecke, die richtung schloss fuehrt. sie sang fuer die menschen das lied der steppe, sie sollten doch wieder hinaus ins offene land zurueckkehren,  sollten wieder ihr nomadisches leben fuehren, das sie zu wahren menschen machte. uns woelfe gibt es wieder in deutschland, auch in den staedten, undercover zwar, aber es gibt uns. ich liebe die stadtbilder, -szenerien & den laerm einer stadt, sie wirkten schon immer anziehend auf mich, hier kann ich nach herzenslust stoebern & streunen, wie die hunde, die auf den wegen & plaetzen zum scheissen ausgefuehrt werden. ich liebe sie, weil die menschenstaedte zum sterben verurteilt sind, vielleicht geschieht dies noch in diesem jahrhundert. doch so lange kann ich nicht warten.

in der naehe der ludwigskirche machten wir kurz halt & tranken. wir tranken uns satt an den farben um uns, den menschen um uns, junge menschen allenthalben – ein kleines bisschen traurig wurde ich bei dem gedanken, dass meine gefaehrtin mich noch nicht kannte, als ich hier ganz in der naehe in die berufsaufbauschule ging, 1973, gegenüber der stengel-kirche. damals war der vorplatz der ludwigskirche ein parkplatz, immerzu voll besetzt, wir suchten trotzdem immer wieder eine stelle zum parken. das gehoerte zu unserer vorstellung von gross-stadt.
saarbruecken ist hier voll mit historischen gebaeuden aus der stengel-zeit, einer etliche jahrzehnte der zweiten haelfte des achtzehnten jahrhunderts umspannenden epoche. napoleon war damals noch gaenzlich unbekannt. ich wuesste zu gerne, ob er auch hier spuren hinterlassen hat. wahrscheinlich aber nur so viele wie die falken in der luft.

der abend rueckte naeher. wir krochen wieder durchs gras, heimwaerts, vorsichtiger werdend mit jedem unserer schritte.

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