Jack Kerouac – Verzeihung ich verbrenne

Aus „KaffeehausSkizzen, 1998“

Sie sind wieder im Kommen, die Fünfziger – wie jede Mode, alles wird nachgeahmt, was irgendwie nach dem Nierentischzeitalter ausschaut, die Musik, der alte klassische Rock´n´Roll, neuerdings auch wieder der Jazz, mit den epochalen Plattencovern in mondänem Schwarzweiß, den typischen Frisuren und Kleidern. Alles mal dagewesen, alles schon gehabt, oder wie Jack Kerouac schrieb: Keine Generation ist neu. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Alles ist verblendet.

Nehmen wir zum Beispiel Jack Kerouac, ein Amerikaner mit französisch-kanadischen Vorfahren, der über zwanzig Romane und Gedichtbücher geschrieben hat, einer der Begründer der sogenannten BeatGeneration, welche ein lockerer Zusammenschluss amerikanischer Literaten war, die ihre kurze, aber desto intensivere Hoch-Zeit ungefähr von 1957 bis 1961 erlebten, die aber nichts gemein hat mit der BeatMusic der frühen Sechziger Jahre, dieses Wort soll eine Art von Lebensgefühl ausdrücken, es hat auch nichts mit beaten – geschlagen – zu tun, sondern, so Kerouac, im Sinn von beatific, von Glückselig, Glückselig Zerrissen Berauscht. Kerouac wurde 1922 in Lowell/Massachusetts geboren, besuchte die Columbia University und diente während des Zweiten Weltkriegs bei der Handelsmarine. “Später trampte er jahrelang als Gelegenheitsarbeiter kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten und Mexico”, so die lapidare Feststellung des Rowohlt Verlages, der seine Bücher in Deutschland veröffentlichte. Dieses “—– trampte er jahrelang —–” umfaßt immerhin über zwanzig Jahre seines wilden, unsteten Lebens. Über seine verschiedenen Jobs in jenen Jahren sagt er: “Im einzelnen war ich: Schiffsjunge, Tankwart, Decksmann, Sportreporter bei der Zeitung (Lowell Sun), Bremser bei der Eisenbahn, Verfasser von Drehbuchsynopsen für die Twentieth Century Fox in New York, Eisverkäufer, Bahnhofsarbeiter, Gepäckträger, Baumwollpflücker, Möbelpackergehilfe, Blechverarbeitungslehrling beim Bau des Pentagon 1942, Brandwache im Forstdienst (1956), Bauarbeiter (1941).” In den Jahren 1946 – 1948 schrieb er seinen ersten Roman, sehr stark noch von Thomas Wolfe geprägt, The Town and the City, er erschien 1950. Erst später fand er seinen ureigenen Stil, seine “spontane Prosa”, wie er sie nannte. “The Subterraneans” schrieb er in drei Nächten, “On the Road” in drei Wochen.

Als Zweiundzwanzigjähriger traf er auf einen anderen, später weltberühmten Dichter der Beats, William Burroughs, ein ungleiches Paar, Kerouac stammte aus einer kleinbürgerlichen, proletarischen, Burroughs hingegen aus besten Familienverhältnissen, ein dreißigjähriger Harvard-Absolvent, der den abenteuerlichen Vorsatz hatte, die Morphiumsucht zu erforschen – an sich selbst. Träuf auch Allen Ginsberg, einen jüdischen Intellektuellen. Ohne ihre Freundschaft und gegenseitige Inspiration gäbe es die Beat Generation nicht. In dieser Zeit lernt und absorbiert Kerouac beachtlich, er nimmt alles auf, was er von Menschen und deren Erfahrungen und durch eigene erhält, er setzt diese gemachten Eindrücke in eine besondere Sprache und Erzählweise um, daraus resultieren Jahre später seine besten Romane: die Stadt New York, ihre Hektik in den Strassen, das Zwielicht der Hinterhöfe, Slums, Kaschemmen, Bars, Puffs, die Subkultur der Ganoven, Süchtigen, Penner, das Leben der Ausgeflippten, aber auch der Jazz der Großstädte, Charlie Parker, Miles Davis – Be Bop, der damals überall in den Cafes gespielt wird, und von deren ekstatischen, hechelnden, schnellen Vortragssstil Kerouac am meisten fasziniert ist, dieser Stil geht in seiner Prosa ein. Er schreibt, wie Charlie Parker ein Saxophonsolo spielte, atemlos bis zum scheinbaren Exzess. Als Kerouac an The Town and the City schrieb, traf er auf Neal Cassidy, auch ein späterer wilder Vertreter der Beats, und diese Begegnung mit diesem Mann, der leider nur wenig geschrieben hat, veränderte einiges in ihm. Cassidy stellte den Action-Typ der Beats dar, sein Lebensstil ging auf ihn über. Und Kerouac fand durch ihn sein großes Thema, die Strasse. Allen Ginsberg meinte über seine Schriften: Jack ist ernsthaft bemüht um den Rhythmus seiner Sätze, er genießt das, weil er Jazz, Bach, Buddhismus oder den Rhythmus bei Shakespeare genießt ……. all das fügt sich genau in den halbjahrhundertjährigen Kampf um die Herausarbeitung einer spezifisch amerikanischen Prosodie, die zu unserer eigenen Sprechweise und unserem eigenen Denkrhythmus passt ……. in der Gestaltung der zeitgenössischen amerikanischen Szene in Prosa ist er der Meister der Erneuerung. Kerouac schreibt über Cassidy: “ er ist er phantastischste Parkwächter der Welt und kann einen Wagen mit siebzig Sachen im Rückwärtsgang in eine enge Lücke fahren und hart an der Wand anhalten, herausspringen, zwischen den Kotflügeln durchlaufen, in einen anderen Wagen springen, ihn mit achtzig Kilometer pro Stunde in einem Engpass wenden, schnell in die Lücke hinein, ratsch! den Wagen mit der Handbremse anhalten, dass man ihn sich aufbäumen sieht, während Dean herausgesaust kommt …..” und an einer anderen Stelle: ”Und seine `Kriminalität` schmollte und grinste nicht, sie war ein wilder yea-sagender überschwenglicher Ausbruch amerikanischer Freude: sie war aus dem Westen, der Westwind, eine Ode aus den Prärien, etwas Neues, lang prophezeit, lang im Kommen (er stahl Autos nur zu Vergnügungsfahrten). Außerdem gefielen sich alle meine New Yorker Freunde in der negativen und beklemmenden Haltung, die Gesellschaftsordnung herunterzumachen, und das mit ihren müden formalen oder politischen oder psychoanalytischen Argumenten zu begründen, während Dean nur in der Gesellschaft herumtobte, gierig nach Brot und Liebe” (aus dem Roman On the Road). Bemerkt sei noch, dass Dean Moriarty sein Freund Neal Cassidys ist. Den Roman UNTERWEGS (On the Road) las ich vor über zehn Jahren. Ich las ihn, glaube ich, in einer einzigen Nacht, ein paar Tage später noch einmal. Die Geschwindigkeit seiner Prosa hatte mich gefangen – aber vom Inhalt behielt ich wenig. Also las ich zweimal innerhalb kurzer Zeit. Ich wußte nicht, was faszinierender für mich war, die einzelnen Personen der Handlung oder der Erzähler selbst, der dies miterlebt und durchlebt hatte. Leider machte mich die Lektüre nervös, damals wäre ich am liebsten genauso aufgebrochen, ich sah mich schon an irgendeiner Hausecke stehen, mit zwanzig Mark in der Tasche und in Gedanken bereits am Ende der Welt. Vor allem aber machte es mich erst einmal neugierig auf die anderen Romane Kerouac, die ich mir auch im Laufe der Zeit zulegte, sofern sie in deutscher Sprache erhältlich waren, erst 1984 erschien auf deutsch THE TOWN AND THE CITY, eine lange Geschichte über den raschen Zerfall einer Familie in einer amerikanischen Kleinstadt an der Ostküste. ON THE ROAD ist sein Meisterwerk. Die Helden und Personen des Romans, die alle um Jacks Hauptperson kreisen und mit ihm unterwegs sind, so denken wie der , befinden sich unaufhörlich auf der Suche nach einem anderen, besseren Leben, nach einem anderen, wilderen, freieren Amerika. Viel ist von Mexico City die Rede, ein oder zweimal landen sie dort, mehr oder weniger abgebrannt, aus Texas kommend, aber es hält sie nicht lange dort, Kerouacs Gefährten reisen meist ruhelos und atemlos weiter, nach San Francisco und wieder zurück an die Ostküste, wobei die Stadt Denver eine Art Angelpunkt für sie darstellt, eine Drehachse des unsteten Amerika. Ein anderes Buch das an On the Road erinnert, lautet BeBop Bars und Weißes Pulver (The Subterraneans, 1958), das 1979 in der Bundesrepublik Deutschland erschien. Es erzählt die kurze heftige, aber zum Scheitern verurteilte Liebe eines jungen Autors zu einer jungen Schwarzen, ihr Umfeld sind Bars, die Bungalows von San Francisco, andere Gestalten des Buches sind Jazzmusiker, Maler, Schriftsteller. Der Roman reicht in seiner Wildheit und Atemlosigkeit, in seiner ungewöhnlichen Wortgewalt an On the Road heran. Er ist in manchen Passagen ein echter, musikalischer Jazztrip. Man sollte sich dazu die alten Platten von Miles Davis, Carlie Parker oder Dizzy Gillespie anhören, um eine Ahnung für diese aufregende Zeit, aber auch für das Sprach- und Schreibtalent Jack Kerouacs zu bekommen. Nicht weniger faszinierte mich Book of Dreams, ein Traumtagebuch, das im Mai 1978 im Maro-Verlag erschien. Es sind gesammelte Träume, die er notierte, als er an den Romanen On the Road und The Subterreneans schrieb – und wie Kerouac im Vorwort schreibt, “alles wurde ganz spontan aufgeschrieben, ohne Pause, wie eben Träume ablaufen; manchmal, bevor ich noch richtig wach war. Die Personen, über die ich in meinen Büchern geschrieben hab, tauchen in diesen Träume wieder auf, in neuen, fremdartigen Traumsituationen (…) und sie erzählen die gleiche Geschichte weiter, über die ich immer schreibe. ”Tatsächlich ist es lediglich eine Träumesammlung, ein Panoptikum ohne Anfang oder Ende, trotzdem kann ich heute noch, wenn ich darin blättere, innehalten und mich irgendwo festlesen. Die Tagebücher, aus denen dieses Buch besteht, erschienen in den USA 1961 und sind ein Schlüssel zum Verständnis seiner Romane. Kann heute ein solch Ruheloser, ein solch Suchender, wie Kerouac es war, Burroughs und Ginsberg es noch immer sind, einem Dreißigjährigen oder Jüngeren noch etwas vermitteln außer der Ehrfurcht vor seiner Sprachgewalt und deren Rhythmus, Amerika-Mythos, Jazzgefühl und freien, poetischen Assoziation? Liegen die Fünfziger Jahre nicht schon zu lange zurück? >Jedes Ding hat seine Zeit.< Es soll nicht behauptet werden, dass diese amerikanische Dichtergeneration Geschichte machte oder mit Geschichte einmal zu tun haben wird, es gäbe genügend über die Kehrseite einer Medaille, die sie sich selber schufen, zu berichten – aber eines nimmt ihnen so schnell niemand ab: sie haben verdammt gut und verdammt frei gelebt, ein ewiger Traum von jungen Menschen, die auf der Suche nach sich selbst und nach der Welt anderer in einem sich wandelnden Amerika sind. Und dass Kerouac, Burroughs, Ginsberg und Casssidy und andere ihren Beitrag leisteten, indem sie ihr Leben und die Visionen, Ängste, Nöte und Freuden in Worte fassten und zu Papier brachten, dann ist es wert, so gelebt zu haben und noch zu leben.

Neal Cassidy lebte es ihnen allen vor, er war tatsächlich so, in allen Episoden seines kurzen, ruhelosen Lebens. Wie die Legende berichtet (siehe On the Road) soll er 1926 in einem Automobil in Salt Lake City geboren sein, leider hat er nicht viel Schriftliches hinterlassen, seine Autobiographie, The First Third (gemeint ist das erste Drittel seines Lebens) ist Fragment geblieben. 1982 erschienen im Fischer Taschenbuchverlag seine gesammelten Schriften, die Autobiographie, Selbstzeugnisse und Briefe an Jack Kerouac enthalten. Man merkt auch in seinen privatesten Briefen an Kerouac, dass er aus purer Lebensfreude seine Ruhelosigkeit und Abenteuerlust suchte – und fand. “Ach, wer je in Amerika gelebt und gelitten hat, der weiß, was ich meine! Wer jemals auf Kohlenwagen aus Cleveland hinausgefahren ist oder in Washington D. C. auf Briefkästen gestarrt hat, weiß es! Wer in Seattle wieder Haare gelassen hat oder in Montana! Oder in Denver gestorben ist! Oder in Chicago geweint oder in Newark gesagt hat: `Verzeihung, ich verbrenne.`” Mit dem Verlangen, dem schweigenden Stolz, mit dem Wort: Wir wollen keine Sicherheit! lebten sie – es sollte keine Absage für die Gesellschaft sein, aus der sie kamen, es war eine Abwendung von übernommenen Richtlinien und Normen, die diese Gesellschaft, unsere Gesellschaft, sich aufgezwungen hat. Es liegt kein Protest oder Sektierertum in den Gedanken der Beats, sie waren alle für sich, unabhängig voneinander, auf ähnliche Weise zu dieser Lebenseinstellung gekommen, wobei Kerouac und sein Freund Neal Cassidy es waren, die den Funken übersprühen ließen – es muss eine ungeheure Dynamik in dieser Gruppe geherrscht haben, wie jeder von jedem inspiriert und vorwärtsgetrieben wurde. Einige Wenige, darunter Ginsberg und Burroughs, schafften den Sprung in die Sechziger Jahre, Ginsberg wurde zeitweilig zu einer Art Guru der amerikanischen Protestbewegung, er mobilisierte alles und jeden, der aus New York kam und etwas zu sagen hatte zu Vietnamkrieg und Rassenproblemen des Südens. Kerouac schaffte es nicht. Als er mit On The Road schlagartig berühmt wurde, war es für ihn zu spät. Nicht, dass seine große Zeit als Schriftsteller nun vorbei gewesen wäre, er hatte einfach resigniert – im Lauf der Sechziger fiel ihm zum Vietnamkrieg nichts ein. Mit seiner Autobiographie “Die Verblendung des Duluoz” (Duluoz ist Kerouac) gelang ihm 1967 noch einmal ein Meisterwerk. Den Tod des Gefährten Neal Cassidy, der im Februar 1968 in Mexico tot an einem Eisenbahngleis gefunden wurde, hat er nie verwunden. Im Oktober 1969 starb er und wurde in Lowell begraben. “Doch ich war noch immer ein Opfer, ich ging mit Ma nach Ozone Park zurück, sie beschäftigte sich mit dem Frühjahrsputz (der alte Herr ist fort, putze das Haus, treibe die keltischen Geister aus), und ich setzte mich hin und schrieb, in Einsamkeit, in Schmerzen, schrieb Choräle und Gebete, selbst im Morgengrauen, und dachte: `Wenn dieses Buch fertig ist, das Summe und Substanz und Plunder all dessen sein wird, was ich in diesem gottverdammten Leben durchgemacht habe, dann werde ich erlöst sein.`” (Die Verblendung des Duluoz)1

Advertisements