Gassenlauf

  Aus „KaffeehausSkizzen, 1998“

Ein Müßiggänger inmitten der Stadt bewegt sich auf dünnen Brettern, beziehungsweise auf dünnem Asphalt, ihm kann es jederzeit widerfahren, dass er jemanden auf der Strasse trifft, einen Ungebetenen, der ihm zufällig über den Weg läuft und leichtfertig über die Schulter guckt, ihm überflüssige Fragen stellt oder zu einem ebenso unangebrachten Bier animieren will. Mit einem Gang in die nächstbeste Kneipe, es gibt in Blieskastel etwa vierzehn davon, wäre das Maß an verbummelter Zeit voll, und in Kneipen trifft man selbst zu früher Stunde die seltsamsten städtischen Sumpfpflanzen. Ich will mich nicht ausschließen, aber ich möchte eine Weile alleine sein, gehen und schauen was sich an Veränderungen in den letzten Wochen und Monaten abzeichnete, veränderte, was von unter Zeitdruck Stehenden für gewöhnlich übersehen wird. Über Zeit verfüge ich genügend, ich fange vieles an, was anderen versagt bleibt:: ich sammele Bilder, die sich nur demjenigen einprägen, der genauestens nach ihnen Ausschau hält, sammele Gesichter von Fremden wie Fotografien, die anziehend genug sind, sie lange im Gedächtnis zu behalten. Es gibt genügend zu sehen, zu hören und zu riechen in einer Stadt, in der für gewöhnlich nicht viel läuft. In einer gleichförmigen Umgebung gibt es durchaus noch Unruhe und Bewegung zu entdecken. Nehme ich als erstes den Markt, zweimal in der Woche findet er statt. Hier sind Gerüche zu ergründen, neue Gesichter zu sehen und zu entdecken, Laute zu hören, die selten an anderen Tagen zu vernehmen sind – ein Wochenmarkt ist der kulturelle Mittelpunkt der kleineren Städte – wie zu allen Epochen bunt, laut, grell, vielstimmig, leger, brodelnd, spießig, bourgeois – lebendig. Leider bleibe ich nie länger als ein paar gehetzte Minuten stehen und biete meine geistigen Kräfte auf, die Szenerien auf einen Schlag aufzunehmen. Das Treiben auf dem Marktplatz, der einmal ein Exerzierplatz war, versetzt mich dennoch in Unruhe, ich werde zu leicht nervös. An anderen Tagen, wo die Stille und Schläfrigkeit vorherrschen in den wenigen engen Gassen, suche ich diese quirlige Lebendigkeit allerdings vergeblich. Dann sehen verloren wirkende Ecken und Winkel in den Gassen noch verlorener aus, abgelegenere Gassen und Gäßchen sind noch mehr verhärmt, und ein Mensch, der durch diese Gassen und Sträußchen streift, ohne zielstrebig seines Weges zu gehen, sich nur von Pflastern, Seitenwegen, halb zerfallenen Stufen leiten und verlocken lässt, wirkt dadurch wie ein Heimkehrer aus der Fremde, der sich nicht mehr auskennt, weil sich zuviel veränderte. Hier in den ältesten Strassen des Blieskasteler >>Hinnerecks<< fühle ich mich auf meinen seltenen Besuchsgängen recht unbehaglich. Ich beeile mich, weiter bergauf zu kommen, um über die Ziegeldächer des alten Blieskastels schauen zu können. Von hier oben ist das südliche Bliestal mit der Mimbacher Kirche in der Ferne weit zu überblicken. Die Stadt ist entrückt aus der unmittelbaren Realität und liegt einige Meter unter mir, obschon ich mich mitten im Kern befinde – nur ein wenig abseits liegt die Stelle, die es mir angetan hat, eine verwitternde Holzbank steht da, überschattende Zweige alter Bäume und Gebüsch ringsum, und die Aussicht ist gut. Auf dem Schlossberg gegenüber mir sieht man deutlich und nahe die Orangerie des längst verschwundenen Schlosses der Blieskasteler Grafen. Gegenwärtig wird sie renoviert, ein kleiner Park oder Schlossgarten wird angelegt, er wird eine Idylle vortäuschen, die es nicht gibt. Das Gelände der Orangerie gehört dem Saarland.

Nun bin ich wieder hinuntergestiegen in die verkehrsbedrängten Strassen, bin den mit Kopfsteinen gepflasterten Schlossbergweg, die Schlossbergstrasse, herabgekommen – um diese Tageszeit branden erste Wellen des hektischen Feierabendverkehrs hier durch – gegen siebzehn Uhr wird er dichter und dichter, eine endlose Autoschlange kriecht über die Bliesbrücke. Ein Spuk, der allerdings schnell verfliegt, keine zwei Stunden später ist die Innenstadt wieder wie ausgestorben. Gespenstisch sind dann die leeren Strassen. Aber so lange halte ich es nie hier aus. Dann fürchte ich, durch die Hektik, meine aufgesammelten Beobachtungen nicht ausreifen zu können, sie in aller Ruhe für meine kreativen Zwecke zu nutzen.

Soweit ist es jedoch nicht, und wann diese Eindrücke in meinem Kopf wieder in Erscheinen treten werden, kann ich nicht voraussehen. Konnte mein Gang nun ohne Zwischenfälle, wie sie zu Beginn beschrieben wurden, beendet werden, und bleibt genug Zeit, mich irgendwo auszuruhen, einen Kaffee zu trinken, dann wird dieser mit Beobachtungen angefüllte Tag keinesfalls wertlos für mich sein. Es gibt genügend andere Tage, an denen mir deren Nutzlosigkeit nur allzu bewusst wird. Was kann ich aber demjenigen sagen, das ich so lange in dem allgemein als langweilig angesehenen Ort getrieben habe. Ich weiß es nicht. Er wird Müßiggang mit Faulenzen und beabsichtigtem Nichtstun gleichsetzen – und wenn ich ihm sagte, etwas Bestimmtes und für mich ungemein Wertvolles gesammelt zu haben, über das ich ihm augenblicklich keine näheren Auskünfte geben könne, dann wird er verständnislos den Kopf schütteln und mich derjenigen Sorte Idioten zurechnen, die mit ihrer Freizeit nichts anzufangen wissen, und über ihren Trödeleien allmählich den Verstand verlieren. Aber ich trödele keineswegs.

Anders wird es im entgegengesetzten Fall sein – angenommen, mir passiert es, und ich treffe einen derartig unangenehmen Zeitgenossen – er braucht keinesfalls unangenehm oder unwillkommen zu sein – er stört mich auch wenig bei meinem Sinnieren, wenn er mir dafür noch die Zeit lässt. Er wird mich ganz schnell umstimmen und sehr ablenken, ich werde schwach und gehe mit ihm auf ein Bier, eine Plauderei, einen Aufenthalt, auf eine vertrödelte Zeit miteinander. Zum Glück spaziere ich gerne bei Regen durch die Gasse, Regen hält manche Leute ab, mehr als zwei Minuten auf die Strasse zu gehen – mich kümmert´s nicht, und wenn ich nass werden sollte, dann ignoriere ich dies, außer im Winter. Bei Dauerregen habe ich mich eigenartigerweise niemals unwohl gefühlt. Es tut mit gut, wenn ich nasse Haare abbekomme und die Schuhe durchgeweicht sind. Heute aber werde ich von Regen und ungebetenen Störenfrieden verschont. Und ausgerechnet jetzt beginne ich mich nach einem derartigen Aufeinandertreffen zu sehnen, irgendjemand aus meinem Bekanntenkreis könnte mich eigentlich doch unverhofft ansprechen. Aber der Moment bleibt aus. Heute gehe ich alleine meines Weges, wie ich es heute auch vorhatte. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, ich habe noch genügend Zeit, unbesorgt irgendwo einzukehren, so mache ich mich auf, in das Lokal >>Zum Hinnereck<< zu gehen, das ich selten aufsuche, eigentlich nur, um Sonntagabends ein Wochenende entsprechend schonend ausklingen zu lassen. Dort ist es relativ ruhig, das obere Geschoß ist wie geschaffen zum Verweilen, meist dient es mir zum Ausruhen vom Tag und von Gedanken, die mich über die Zeiten hinaus verfolgen. Lange bleibe ich nicht, trinke übereilt aus und gehe wieder weg. Ein anderes Mal werde ich bestimmt wiederkommen, aber nachmittags sind die Lokale unerträglich – es mag an bestimmten Menschen liegen, die auf ähnliche oder noch tristere Weise ihre Zeit da drin verbringen. Zumindest abends sieht man ihre gezeichneten Visagen schlechter, am Tag sind sie umso deutlicher sichtbar, und ihre offengelegte Langeweile zwingt sie zu noch sinnloserem Fabulieren, Prahlen und Lügen. Mich sollen sie heute ungestört lassen, mir steht der Sinn nach etwas anderem, nach freiwilliger Einsamkeit, diese ist mir teuer und unentbehrlich geworden. Eine gewollte Ziellosigkeit ist keine mehr, ich gehe mit dem Ziel, nirgendwohin zu wollen durch diese Strassen und Gassen – auch diesmal, es ist mittlerweile siebzehn Uhr, daheim wird wenig Aufregendes auf mich warten, und auch mein klappriger gelber VW ist wenig verlockend.

In den engen Strassen pulsiert es, das aufregende Leben der arbeitenden Bevölkerung, morgens zur Arbeit und abends wieder zurück, morgens zur Arbeit und abends —- der Feierabendverkehr bewegt sich im rasenden Tempo schrittweise voran, die Luft ist übersättigt mit stinkenden Abgasen, aber in der nächsten Stunde wird es so ruhig sein, als sei diese kleine, aber heftig ablaufende Stunde nie passiert. Ich gehe runter in die Alte Marktstrasse und bleibe vor den Auslagen des Musikgeschäfts stehen, sie haben neue akustische Gitarren ausgestellt, bewundernd lasse ich meine Blicke über die Korpusse und schlanken Hälse der Country-Gitarren wandern, die mein Ideal an Gitarren darstellen. Nun treffe ich doch noch auf jemanden, der mir im Moment recht willkommen ist, ein junger Mann, Student wie ich, wir beschließen spontan, einen Gang hinauf zum Kloster zu machen. Dort sei er schon lange nicht mehr gewesen, er wolle auch mit mir dorthin spazieren und mit mir plaudern, aber nicht lange, gestern habe er zuviel getrunken und wolle nur seinen schmerzenden Kopf auskühlen und anschließend etwas trinken gehen. Womit der Kreislauf wieder geschlossen wäre. O, tut mir leid, sage ich und erzähle mit wenigen Worten und Sätzen, was ich nachmittags getrieben habe, er meint, da könnten wir genauso gut auf der Stelle ein Bier trinken gehen. Sein Kopfschmerz sei ihm mittlerweile eh gleichgültig, Schmerz hin, Schmerz her, nun müsse er bald ein kühles Bier trinken gehen. Ich wiederhole noch einmal, dass ich gerade vom Hinnereck käme – er meint daraufhin pikiert, er gehe dann mal alleine. Ich starre ihm nach und lasse ihn gehen, meine stille Freude, einen wirklich ruhigen Nachmittag hier in der Stadt verbracht zu haben, wäre zum Teufel. Ich schlage die entgegengesetzte Richtung ein und tue damit das Gegenteil, was andere von mir erwarten. Ich weiß zu genau, wie der Abend mit meinem Bekannten geendet hätte, mir schaudert es bei dem Gedanken, ihn zum x-ten Mal stockbesoffen heimzufahren, vor seinem Haus zu warten, bis er die Tür findet und nicht vorher in die Vorgartenbeete und Rosen zu fallen.

Mein Bekannter ist auch ein Student – und ein Müßiggänger ganz anderen Kalibers, ob besser oder schlechter als meine Art, das ist einerlei. Sein leben neben dem Studium, das er früher intensiver betrieb, besteht hauptsächlich aus Trinkgelagen und Kneipenbesuchen, so wie ich gerne bestimmte Plätze aufsuche der Ruhe wegen, so lotet er die Grenzen seiner physischen Auffassungsmöglichkeiten aus, und manchmal hat er sie bedenklich nahe erreicht. Und ich habe vor einiger Zeit die Grenzen meiner Geduld bei ihm erreicht. Ich wünsche nur, er möge mir die Grenze meiner Geduld nicht weiter beanspruchen und mir weder betrunken noch sich bei mir anbiedernd benehmen. Schleunigst scheuche ich die düsternen Erinnerungen weg – mir steht der Sinn nach Neuem das vielleicht für die meisten Menschen alles andere als aufregend und faszinierend erscheint. mir aber das Gefühl zurückgibt, nicht ganz verloren zu sein, in einer unscheinbaren Welt unentwegt in Bewegung zu sein, zwar sich im Kreise zu bewegen, dies aber bewusst zu tun. Um nicht in dumpfe Schwermut zu verfallen, vor der viele Menschen sich fürchten. Auch mein Bekannter zählt zu ihnen – er gibt sich außergewöhnlich heiter, gelöst, hat immer einen Scherz parat – und hinter seinen Augen sehe ich die nackte, blanke Angst leuchten. Er wird mir selten direkt und fest in die Augen schauen können, und er wird es wieder tun. Ich verachte ihn nicht, er wird eines Tages erfahren, es leben, selber lernen – bis heute war er taub für alle Ratschläge, ich werde künftig nie mehr ein Wort an ihn vergeuden. Es sei denn, er käme auf mich zu – und ich werde mich wie bei einem Tier verhalten, von dem kein Dank zu erwarten ist. Ich suche nun doch Menschen auf, hier ist es belebter als vor wenigen Stunden, und häufig weiche ich Entgegenkommenden aus – es wirft mich aus der Bahn – ich bleibe entnervt und verwirrt stehen – Ecke Poststrasse und Von-Der-Leyen-Strasse, bleibe wie angewurzelt stehen und krame eine Zigarette aus der Brusttasche meiner Jeansjacke. Leute fluten um mich herum wie Wildwasser, ich bleibe stehen und schaue in eine Richtung, auf den Marktplatz, der vollgestopft mit parkenden Autos ist – mein klappriger VW befindet sich dort an der äußersten Ecke des Platzes, schräg gegenüber der Volksbank. Und hier an der Straßenecke beende ich meinen gedankenvollen Gang durch die Stadt. Eine Fortsetzung müsste es geben, der Tag ist wieder Stückwerk geblieben, ich werde mich morgen wieder auf meine Streifzüge begeben. Im Grunde ist die Umgebung unwichtig, genauso gut könnte ich auf Waldwegen vor mich hin sinnieren, ich brauche jedoch den Kontrast zur Natur, die Starrheit der Mauern, die in sich ruhen und weiter am Verwittern sind. Alte Häuser, verkommen und halb zerfallen, haben es mir besonders angetan. Sie gelten als beredte Zeugen der Vergangenheit und sind augenscheinliches Sinnbild des Verfalls von Epochen und deren Irrtümer und Phantasien. Und ich frage mich, worin meine Irrungen wohl bestehen. Vielleicht sind diese halb meditativen, halb unwichtigen Aus- oder Freigänge Ausflüge in eine andere Wirklichkeit, die zu nichts nutze sind, wertvoller, als ich heute ermessen kann. Ich weiß, es gibt keine Fortsetzung morgen, geschweige in einigen Wochen – es bleibt eine einmalige, unwiederholbare Angelegenheit – und es ist schnell dahin und noch schneller vergessen. Eine andere Wirklichkeit, eine Einbildung, keineswegs Trugbilder, es ist sehr reell an seinem Platz, hier und dort, bergauf, bergab. Nur unmerklich ändern sich einzelne Dinge – also mache ich mich auf die Suche nach sich wandelnden Dingen. Menschen ändern sich selten, es sei denn, sie gehen weg von hier, aus der Stadt oder dem Dorf, leben eine Weile woanders und kehren zurück und haben sich verändert, äußerlich noch immer großspurig, auf Haarspaltereien erpicht, mit astronomischen Zahlen und mathematischen Formeln im Kopf – und schauen herablassend nach den alten, im Herzen der Kindheit aufbewahrten Plätzen, die sie heimlich noch immer verehren und sich nach ihnen verzehren. Und sie kommen heim und schauen nach, ob sich auch nichts verändert hat in der heimatlichen Stadt. Sie übersehen die Feinheiten – und fahren so klug wie zuvor wieder ab, mit strohfeurigen Gefühlen. Die Vergangenheit ist ihnen entglitten. Sie verfluchen ihre Sentimentalitäten und nennen sie für sich vorübergehende Torheiten. Wenn keine Gefühle gezeigt werden, ist dies ein Zeichen von Beständigkeit und Charakter. Bin ich deshalb gefühllos, wenn ich für niemanden ansprechbar sein möchte, mir meine Zeit ausfülle mit Schweigen und Grübeln oder Leere, die den höchsten Grad an Zufriedenheit vermittelt, was jedoch schwierig ist, ohne an etwas zu denken durch die Weltgeschichte zu laufen. Säße ich am Rande des Meeres, das Europa umgibt, an einem flachen Strand und hörte den Wellen zu, säße ich an einem lodernden Feuer und starrte in die Flammen, hörten den knackenden Holzscheiten zu, dann hätte ich keine Mühe, das Nachdenken zu lassen für immer. Aber ich sitze nicht dort. Ich bin in meinen Wagen gestiegen, habe den Schlüssel ins Zündschloss gesteckt – und bewege mich wieder fort ins Ziellose, zwar halte ich die Augen offen auf der belebten Strasse, im Inneren bin ich verschlossen und werde den restlichen Tag so bleiben.

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