Kelte

– Aus „KaffeehausSkizzen“, 1998 –

Ewiger Traum eines ewig suchenden Menschen – die Frage “Wo stamme ich her“ – wird wohl niemals in mir zur Ruhe kommen. Einige Wurzeln meiner Herkunft weiß ich mittlerweile zu deuten und könnte sie auch mehrere hundert Jahre zurückverfolgen, bis kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg, auf Dauer befriedigt es jedoch nicht ganz. Ich versuche, noch früher zurückgehen zu können, lange vor die sogenannte Zeitenwende, lange vor Einführung der lateinischen oder griechischen Schrift, die andererseits beredtes Zeugnis darüber geben könnte, woher ich komme. Ich bin kein Archäologe, der in unserer Gegend aufschlussreiche Funde tätigen könnte, so, wie es der reichhaltige und wertvolle Fund im Jahr 1954 gewesen ist, der Goldschatz einer keltischen Fürstin oder Königin – das Gold soll hier einmal beiseite gelassen werden, es nutzt sich nicht ab, die Gier nach ihm nutzt sich leider ebenso wenig ab, beweist dies wiederum seine Nutzlosigkeit. Was hatte diese keltische Fürstin von ihrem Goldschatz, ihre Gebeine konnten sich schwerlich an seinem – nur überirdischen – Glanz erfreuen. Nicht einmal ihre Träume blieben erhalten, sehnsüchtige Vorstellungen und sehr eigennützige Pläne, bestimmt hat sie sich profanste Sachen herbeigesehnt, einen zweiten Mann, vierundzwanzig makellose, schneeweiße Pferde oder sonst etwas Wertvolles, einer hohen Fürstin würdig, was es damals an Ungewöhnlichem gab – und auch in den alten Zeiten bereits sehr teuer gehandelt wurde. Sie lebte in der Umgebung des heutigen Reinheim, wenn man das Bliestal von dort aus überblickt und sich in diese Zeit von 500 bis 300 vor Christus zurückversetzten könnte, fiele einem unschwer auf, dass dieser kleine Landstrich geradezu prädestiniert ist für sich kreuzende große und kleine Handelswege mit einer darüber thronenden Festung oder burgähnlichen Anlage, die dieses Gebiet weiträumig beherrschen und kontrollieren könnte. Es scheint eine reiche Gegend und ein vermögendes Herrschergeschlecht gewesen zu sein, eine Art Zwischenschaltstelle der uralten Salzstrassen, denke ich mir – wie gesagt, es sind allesamt Vermutungen meinerseits, gepaart mit Tagträumereien über diese längst vergangenen und unbekannt gebliebenen Epochen. Zuweilen in Augenblikken des Tagträumens und sich Verlierens in ein geheimnisvolles Gedächtnis, in einen Platz, an dem ich mich treiben lassen kann wie ein Treibholz in einem breiten Fluss oder See, sehe ich mich als Kelten, der hierher gekommen ist, irgendwann vor zweitausenddreihundert Jahren und noch früher, aus den östlich gelegenen Gebieten des Keltenstammlandes, vielleicht aus Böhmen, dem alten Bojerheim – oder aus österreichischen Landstrichen, wer kann es genau sagen?! Pferde besaßen sie damals, mehrere Ponyarten, das ist erwiesen, obwohl einzig und allein in Gräbern höhergestellter Personen Überreste dieser Tiere aufgefunden wurden. Eines der vielen Privilegien der Reichen, ohne Zweifel. Also angenommen, ich hätte zwar ein Reitpferd, möglicherweise besäße ich aber kein Schwert, dessen Besitz und dadurch errungenes und nach Außen sichtbares Prestige sicherlich einem Adligen im heutigen Sinne nahegekommen wäre. Aber so trug ich ´nur´ einen dreieinhalb Meter langen Speer bei mir, vielleicht, falls ich sehr modern dachte und schlau dabei gewesen bin, hatte ich zusätzlich einen eingetauschten Bogen von den feindlichen Stämmen, die wir nach Art der Griechen Skythen nannten, die aber nur deshalb feindlich gesinnt waren, weil sie noch weiter aus dem unbekannten Osten kamen und in unregelmäßigen Abständen unsere Gebiete unsicher machten.

Damals besaß ich mehrere Pferde für den Krieg, es waren zwei Tiere, eine Rasse, die viel kleinwüchsiger war und nach heutiger Sicht etwa einem Islandpony gleichkäme. Aber davon abgesehen, ein Keltenkrieger, der etwas auf sich hielt, befand sich immer im Krieg. Die damaligen Menschen waren übrigens auch von kleinerem Wuchs als die heutigen Zeitgenossen. Sagen wir, ich war dagegen hochgewachsen, ein großgeratener keltischer Krieger, und die Krieger dieses Volkes kämpften noch zu dem ursprünglichen Zweck des Krieges, nämlich aus reiner Notwendigkeit, wir kannten keine Söldnerheere, zwar lernten wir schnell und nachhaltig, aber belassen wir es in der Sichtweise der Zeit um 300 vor Christus – da es hier noch wildes, unberührtes Land in Hülle und Fülle und freie Menschen gegeben haben soll. Aber die Hügel, die sanft zur Blies hinabfallen sollen sich dem Betrachter wie aus jener alten Zeit darbieten: bewaldet bis auf wenige kahle Kuppen, hier und da hatten die nicht sehr zahlreichen Bewohner Lichtungen geschlagen und Siedlungen in der Ebene angelegt, die weit verstreut lagen. In vorkeltischen Zeiten scheint jeder Ort mit den umliegenden verfeindet gewesen zu sein. Aber als Kelte habe ich mir nie viele Gedanken um die nichtkeltischen Völker gemacht, wenn wir uns nicht mit ihnen verbündeten. Seht, ich komme nun geritten auf meinem kleinwüchsigen, dürren Pony, sein Schwanz ist hochgebunden, aus mystischen Gründen – einen Helm hatte ich mir noch nicht geschaffen, oder, was leichter gewesen wäre, im Kampf erbeutet, ich ritt barhäuptig meiner Wege, die mir jederzeit Gefahren liefern konnten, trug lange dunkelblonde Haare – ein untrügliches Zeichen des freien, ungebundenen Mannkriegers – und, man höre und staune, keinen Schnurrbart! Wie alt mag ich damals gewesen sein, dreissig Jahre vielleicht, für damalige Verhältnisse bereits ein fortgeschrittenes Alter, womöglich hatte ich auf einem der Höhenzüge oder weiter nördlich des Bliestals einen kärglichen Hof mit ein paar Sklaven, zwei Ehefrauen und ein paar Kindern – ich wollte, dass mich die Leute als etwas Besonderes ansahen, das liegt wohl an der eitlen menschlichen Natur. Oder irre ich mich!?

Ich komme geritten, vielleicht auf der Suche nach entlaufenen Tieren des Hofes oder auf der Jagd nach einem Wolf, dem ich den Pelz nehmen könnte, oder, was ganz entzückend wäre, einem der Ureinwohner dieser Länder zu begegnen, Ureinwohner, die sich hier noch herumtreiben sollen, erst vor kurzem erfuhr ich, sollen zwei fremde Gestalten, ganz in Bärenpelze gehüllt, mit Lederschilden und Speeren ausgerüstet, unten in der Nähe des Flusses gesichtet worden sein – wenn ich ein paar von ihnen aufspüren könnte, ich würde sie kurzerhand mit meiner Lanze töten und schlüge ihnen die Köpfe ab zum Zeichen meiner Heldentat – und als Zierde für mein Pony. Dieser Brauch ist für mein Volk noch recht neu, er soll aus den ferngelegenen Ostländern zu uns gekommen sein, so hörte ich es von meinem Vater.

Aber wenn ich meine Gedanken und mein Pony nun weiter vorantreiben soll, so ist es an diesem Morgen ein lauer Frühlingstag, da sollte mir nicht der Sinn nach blutrünstigen Taten stehen, falls ich damals schon ähnlich wie heute gedacht haben sollte. Mein Pferd schreckt wegen irgendwas aus seinem langsamen zottelnden Trott auf – sofort spüre ich, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich kenne keine Furcht oder Schrecken vor den Menschen, aber umso mehr vor den geheimnisumwitterten Kräften der Natur, ihren allgegenwärtigen Geistern und mächtigen Göttern, stets trage ich zwei lederne Armbänder als Amulette bei mir, eins für die weiblichen, eins für die männlichen Schutzgötter, so dass mir nichts Schlechtes zustoßen soll, wenn nicht …… Ja. Was? Immer ist eine kleine Unsicherheit dabei, die nicht vorhersehbar ist. Auch in diesem Augenblick nicht. Es droht mir echte Gefahr. Nur weiß ich nicht, von wem oder woher. Ich zügele mein witterndes Pferd, rede mit leiser Stimme auf es ein, es solle stillhalten, und ich lausche. Einen Bären wittere ich, der vor einem halben Tag hier vorbeigekommen sein muss, aber einer gegenwärtig drohenden Gefahr kann ich wohl nicht aus dem Weg gehen, denn es ist ein Mensch, der mir auflauert, ich rieche es nicht, also kann es sich nur um menschliche Feinde handeln, mein Pferd bleibt von ganz allein stehen, unruhig schnaubend, ich befinde mich auf einer Lichtung, sie ist weiträumig in diesem schütteren Waldgrund und bin ungeschützt feindseligen Blicken ausgeliefert, also steige ich ab von meinem Gaul, er soll mich mit seinem Körper zumindest nach einer Seite schützen – nach Altväter Sitte. In der Luft oder im Geäst der Bäume regt sich kein Vogel, kein Flügelschlag, alles scheint wie erstarrt, und ich lausche unbeweglich, ebenfalls beinahe zu Stein geworden. Meine Angst vor vermeintlichen bösen Geistern ist gewichen, ich bin bereit zum Kampf, selbst wenn es viele von diesen halbverhungerten Übriggebliebenen dieses alten Volkes sein mochten, vor ihnen fürchte ich mich keinesfalls – sie besitzen nicht einmal Pferde und bearbeiten mit dem Hakenpflug den Boden. Bogen und Pfeil verwenden sie selten, weiter oben im Norden, also, was konnte mir Schlimmes zustoßen.

Wieder besteige ich mein Reittier, nachdem ich es an einem kleinen Bach habe saufen lassen. Vorsichtig reite ich weiter, mir immerzu der lauernden Gefahr gewiss, aber heute will ich nicht kämpfen, nicht an einem Tag wie diesem, er ist zu wertvoll und schön nach dem langen Winter. Nur besaß ich dieses Bewusstsein für solcherart zarte Empfindungen angesichts einer aus langem Winterschlaf erwachenden Landschaft nicht – zu meiner Zeit gab es dafür keinen Platz im Denken der Menschen – von wegen romantische Gefühle im Frühjahr. Pah! Man paarte sich im Winter, wenn die Gewässer zugefroren waren bis auf den Grund, Frauen bekamen im Sommer ihre Kinder, was nachteilig war, denn die Ernten mussten um diese Zeit eingebracht werden. Aber es gab die Sklaven, die Allestuer, wie sie von uns genannt wurden, man konnte alles mit ihnen anstellen, sie töten, als Opfer für die Göttin der Fruchtbarkeit unserer Felder weggeben an die gierigen Priester. Ich ließ sie am Leben, ich verkaufte sie manchmal, wenn es an der Zeit war, an die Händler, die aus dem Süden zu uns kamen, gegen Pferde, Bernstein, Bronze und Waffen – ein paar der jungen Mädchen behielt ich zurück, sie schienen mir zu kostbar, obschon sie mir viele Güter eingebracht hätten – es war im großen und ganzen ein recht angenehmes Leben, wenn man wie ich ein Krieger war. Wir führten oft Krieg, aus Anlässen, die den modernen Menschen unverständlich bleiben, wegen einer Magd, die geraubt wurde, einer Kuh, einem Pferd.

Oh, nun durchblitzen doch schöne Gedanken meinen Kopf, alle Vorsicht sich selbst überlassend sage ich mir immer wieder, dass mir nichts Böses geschehen kann. Außerdem entsage ich keinesfalls jenem Mysterium, das Leben heizt, und hätte es nicht an jedem Tag meines Daseins genügt zu sagen, “nun reicht es, es ist genug”, und es wäre gut gewesen zu den Göttern zu kommen? Wie bekannt ist, sind Götter mir nicht fern, es gab sie überall und zu jeder Zeit, und überall und zu jeder Zeit musste ich darauf gefasst sein, Zeichen, Spuren ihrer Gegenwart zu entdecken, es musste zu ihrer Besänftigung oder Beeinflussung viel Fleisch geopfert werden, manchmal auch Menschen, aber dies seltener, nur, wenn es um entscheidende Schlachten ging – weit draußen im Urland, das nicht unserem Stamm gehörte, sondern einem anderen mit der gleichen Sprache, denselben Gewohnheiten und Umgangsformen. Dieses Land hatten meine Ahnen bereits einhundertsiebzig Jahre vor meiner Geburt verlassen und sind immer weiter nach Westen in dieses Tal gezogen. Soviel ich an Geschichten über meine Ahnen besaß, eines zeigte sich in ihnen immer wieder: meine Vorväter hatten auch gekämpft. Meine Väter starben immer zu früh, der eine getötet im Kampf mit diesen Eingeborenen, und dessen Vater wiederum wurde von einer freigelassenen Sklavin vergiftet. Er hatte sich in sie verliebt, ihr die Freiheit geschenkt und wollte sie zur Frau nehmen, nachdem er das Dorf, aus dem sie stammte, angezündet und die Bewohner erschlagen hatte.

Hier wird der Wald allmählich lichter, ich sehe bereits den Saum seines Endes, eine Wiese breitet sich bald vor mir aus, sie ist halb Sumpf, halb Grasland, zieht sich hinab in sanften Wellen und kleinen Erhebungen, die kaum auffallen, bis an den großen Fluss Blesa, der das Tal in zwei ungleiche Teile zerschneidet. Mein Pony ist den Sumpf nicht gewohnt, es stutzt und hält in seinem Trott inne, es wittert, jeden Schritt vorwärts abschätzend und scheinbar planend, ich lasse es gewähren, hier kenne ich mich aus, in den Sümpfen des Ostens bin ich aufgewachsen, an einem unübersehbaren reißenden Strom, der nach Südosten fließt, die Länder tischeben sich um ihn ausbreiten und nichts das Auge am Schauen hindert. Einst kamen wir hierher, hatten das Land in Besitz genommen, weil wir stärker als das andere Volk waren, die schwarzhaarigen Rundkopfgestalten, die, die-ohne-Pferde-sind genannt, hatten uns ausweichen müssen oder sie wurden vertrieben und getötet. Ihre alten Götter gab es hier und da noch. Die fürchtete ich nicht, sie gehörten nicht zu unseren Göttern, wir ließen sie, wo sie waren – in den Sümpfen. Die überlebenden Rundköpfe belästigten uns nach wie vor, zwar waren sie zahlenmäßig Wenige – aber sie hatten uns Rache geschworen.

Weiter tappt mein Pferdchen durch seichtes Wasser, durch Pfützen und an Grasbüscheln herum, ich rede mit ihm, es soll sich durch meine vertraute Stimme beruhigen und freuen.

Dann steckt plötzlich ein Pfeil in mir, genauer gesagt in meiner linken Hüfte, ein primitives Gebilde aus Ried, mit einer großen scharfen Steinspitze, die ich im Fleisch spüre, sein Schütze hat mich vortrefflich gefunden. Schwach nur spüre ich einen Schmerz – auf einen scharfen Pfiff hin galoppiert mein Pferd los – ich sehe, wie ich Abstand gewinne, mein unbekannt gebliebener Feind ist offenbar unberitten, er bekommt mich nicht zu fassen, trotzdem sehe ich aus den Augenwinkeln Gestalten aus den Büschen des Waldrandes hervorstürzen, sie schreien und brüllen wie toll, sie rennen mir ins seichte Wasser nach, doch mein Pferd ist schneller als sie. Nicht schnell genug – noch ein Pfeil trifft mich in die rechte Schulter, und ich stürze von dem Pferd. Hart falle ich dabei auf die Hüftwunde, der Schaft bohrt sich dabei noch tiefer in meine Seite, bei dem Aufprall schreie ich auf vor Schmerzen. Ich sehe mein Pferd in Reichweite stehen bleiben, es wurde gut von mir abgerichtet, es kommt jedoch nicht näher, obwohl ich nach ihm rufe. Oder meine ich nur, zu rufen? Die Stimme versagt mir tatsächlich. Und aus den nahen Büschen nähern sich mir die Feinde, vier Läufer erkenne ich zuerst. Sie kommen schnell näher, heulen und kreischen wild durcheinander, sie sehen mich schon als Beute. Morgen wird mein zerschundener Körper an einem Baumstamm in ihren Verstecken baumeln – wo bleibt mein Pferd? Tatsächlich, es trabt furchtlos heran, hoch aufspritzend das Wasser unter seinen Hufen, mein tapferes Tier, es stellt sich so vor mich, dass ich mich leichter an dem Sattel hochziehen kann, aber aufsitzen kann ich nicht. Dann bricht es neben mir zusammen, so plötzlich, dass ich mitgerissen werden – es ist von einer Lanze getroffen worden. Und nun kommen sie von allen Seiten. Das kann ich jedoch nicht mehr denken. Sie erreichen mich, ich kann mich kaum wehren, meine Lanze habe ich verloren, von einem Streitaxthieb, deren Schneide ich noch kurz und gleißend aufblitzen sehe, werde ich am Kopf getroffen und taumele im gleichen Augenblick in das Dunkel, aus dem noch nie einer zurückkehrte.

Mein Volk hat sich das Sterben und den Tod von alters her dem irdischen Leben ähnlich vorgestellt, zu meiner Verblüffung empfängt mich kein Gott des Reiches der toten Krieger, von oben herab, als wäre ich ein Vogel im Flug, vermag ich zu sehen, wie mich meine eigenen Leute zusammen mit meinem Lieblingspferd, das mit mir gestorben ist, unweit der Stelle begraben, wo man mich erschlug. Gegen den Ort hatte ich nichts einzuwenden, eine schöne Stelle auf einer sanft ansteigenden Bodenerhebung, wo kein Schmelzwasser hingelangen konnte, und mein Kopf schaute nach uralter Sitte in die Himmelsrichtung, aus der mein Volk einst kam und wohin wir nach dem Tod wieder gehen. Mein Volk glaubte an Kriegs-, Bauern- und Fruchtbarkeitsgötter, die uns in ihrer Welt aufnahmen für alle Zeiten. Ich wurde gründlich enttäuscht, unsere Priester haben Falsches berichtet – es ist erbärmlich kalt und finster, ein Oben und Unten ist nicht zu erkennen, mein Pferd sah ich davoneilen ins Nichts, meine Frauen warfen mir noch bei meinem Begräbnis vor, ich hätte sie im Stich gelassen, und meine Kinder weinten nicht um meinetwillen, sondern um die Stute, auf der sie so gerne geritten waren, manchmal schnitten sie Schwanz- und Mähnenhaare ab, für die Sehnen ihrer Spielzeugbögen, mit denen sie nach kleinen Vögeln schossen. Heutigentags, an dem meine Knochen fein säuberlich in einem Museum zu besichtigen sind, meine Überreste registriert wurden, mein ungefähres Alter bestimmt worden ist, obwohl ich den Wissenschaftlern genaueste Auskunft hätte geben können: bei meinem Tod zählte ich zweiunddreißig Winter – leider ist meine Stimme für Lebende unhörbar. Zu meiner Befriedigung erfuhr ich den Namen jenes alten Volkes, dessen Krieger mich erschlugen: Urnenfelderleute heißen sie, und sie verbrannten ihre Toten.

Mich begrub meine Sippe nach unseren Gebräuchen, mit meinem geliebten Pferd, der Lanze und dem Bogen, und so fand man mich auch in viel späteren Zeitaltern, die auf meines folgten.

Und worauf ich besonders stolz bin: meine Grabstelle wurde zwar zerstört und zu einer Strasse umgeändert, das Grab verschwand völlig, aber die moderne Strasse, unter der meine Begräbnisstätte verschwand, erhielt einen passenden, guten Namen: Am Keltengrab. Ist dies etwa kein Grund, stolz zu sein?

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