Kleine Leute und ihre Freuden

Aus „KaffeehausSkizzen, 1998“ 

Was hat ein deutsches, nein, ein saarländisches Dorf mit Afrika zu tun? Hat Afrika denn irgendetwas mit der Bundesrepublik Deutschland zu tun? —— Ganz gewiss, werden sich Einige zu Wort melden, dorthin gehen doch unsere vielen Steuergelder als Entwicklungshilfe, damit wir die Bimbos aus dem Urwald holen können.

Nun, solchen Argumentierern kann man Zynismus vorwerfen, dabei werden sie nicht einmal wissen, was das Wort bedeutet. Also, noch einmal von vorn: was hat ein Dorf, Stadtteil von Blieskastel, so um die 1200 Einwohner und diese fast alle weiß, mit dem Erdteil Afrika gemeinsam? Halt: Stop! – sogar mit zwei Erdteilen, Amerika gehört noch dazu, aber darüber später.

Also, das kleine Dörfchen hat seit einiger Zeit einen Schwarzen, genauer gesagt, einen jungen Mann aus Nigeria zu Besuch. Er geht natürlich wieder in absehbarer Zeit, bleiben kann er nicht, wenn sein Studium beendet ist, fährt er sicher wieder in sein Heimatland, um dort mit seinem Wissen viel Geld zu verdienen. Da er nun mal da ist …… er spielt ein wenig Fußball in der Dorfmannschaft (“Ein Neger bringt vielleicht Farbe ins Spiel”), anfangs wurde dieses Phänomen ehrlich bestaunt, es verwunderte, dass ein Schwarzer die gelbroten Trikotfarben trug (also doch mehr Farbe, hab ich’s doch gewusst!), manche Leute staunten so sehr, dass es in ihre offenen Münder hineinregnete. Vielleicht haben sie sich mittlerweile an diesen ungewöhnlichen Anblick gewöhnt, sie halten sie inzwischen wieder geschlossen (oder sollte es noch andere Gründe dafür geben?). Jedenfalls, Aufsehen erregen sie immer, die Fremden, und wenn sie zusätzlich eine andere Hautfarbe haben, gerät dieses Aufsehen zu einem großen Ereignis. Und dieses Ereignis fand kürzlich in einer Gastwirtschaft dieses kleinen Dorfes statt, die vor nicht allzu langer Zeit als d e r Angelpunkt im dörflichen Kulturleben galt. Nun, der junge Nigerianer, Shody oder Jody nannte er sich, einige Dörfler haben daraus sofort “JUDY” gemacht – man weiß ja, der Schimpanse aus DAKTARI, aus der gleichnamigen amerikanischen (aha!) Fernsehserie aus den Sechzigern, in der kamen ja auch Schwarze vor, weil sie in Afrika spielte, obwohl sie in den USA gedreht wurde (wo haben die bloß all die Schwarzen hergehabt?) – man muss nur richtige Asso – Ziationen anwenden und gebrauchen können – dieser junge afrikanische Student begab sich eines Abends in besagte Kneipe. Leider hatte er von vorneherein den Fehler begangen, sich im Verlauf einer an diesem Tag stattfindenden Geburtstagsfeier betrunken und deshalb sehr gutgelaunt und aufgekratzt die Dorfschänke betreten zu haben, außerdem, so stellte sich später heraus, hatte er die Frechheit besessen, so ungefähr der siebte oder achte Gast dieser Gastronomie – der Wirt leidet überdies an Gastritis – zu sein, was dem Wirt einen augenblicklichen Dorn in sein Holzauge – äh — Wirtsauge trieb, denn zu solch später Stunde bedient der Wirt so viele Gäste ungern zur gleichen Zeit, und dazu noch alle auf einmal ….. und da er ausländischer Student ist, was man an seiner schwarzen Hautfarbe ja unschwer erkennen konnte, bedeutete dieser Umstand einen rabenschwarzen Dorn in seinem Auge. Aber die Stimme des Volkes und gewissermaßen aus diesem Volkskörper heraus ließ nicht lange auf sich warten in Gestalt zweier muskulöser Burschen, die dem Alkohol gleichfalls nicht gerade übermäßig abhold gewesen waren, da sie den Ärger über ein soeben beendetes Länderspiel zwischen Deutschland und —–, das mit einer Niederlage für die Deutschen endete, hinunterspülen mussten, meldeten sich diese Stimmen eines reinen, lauteren Volkes zu Wort. Und da sie, wie bereits erwähnt, von muskulöser Statur waren, nahmen sie diese sportliche Eigenschaft zu Hilfe und gingen sogleich in die Offensive – bekräftigten schlagfertig ihre Argumente, denn die Diskussion darüber, was dieser schwarze Junge hier zu suchen habe, schlug nach kurzer Zeit in ein Streitgespräch um, das keiner Unsachlichkeit entbehrte – kurzum, die Diskussion wurde derart hitzig und pikant, dass einige Umstehende sich genötigt fühlten, in die lebhafte Gesprächsrunde (bei einem f a i r e n Boxkampf sind es bekanntermaßen fünfzehn Runden) einzusteigen mit Argumenten wie: “…… hab ` nen Bruder in Afrika lassen müssen!” “…. soll sich nach Afrika schaffen, in den Busch, wo er her kommt.”

Vox populi, vox Rindvieh.

Die Ereignisse überstürzten sich, die heißblütige Diskussion musste draußen auf der Strasse fortgesetzt werden. Aber einem schwarzen Studenten kann man noch so gutwillig zureden, er wird nie schlau aus dem werden, was man ihm sagt. Eher wird er grün und blau von diesen schlagenden Argumenten – blau war er eh´ schon! – und dass man ihn darüberhinaus noch zu den Grünen zählt, würde man doch nicht für möglich halten.

Die hitzige Diskussion verlief sich dann in der Umgebung des Feuerwehrhauses, der junge Schwarze hatte mit krachenden Auflüchten das Argumentierschlachtfeld verlassen und fühlte sich in seiner Niederlage gänzlich zerschlagen, als er zu Bett gegangen war.

Was hat das Ganze nur mi Amerika zu tun, werden sich nun Viele fragen, ich halte e i n e mögliche Antwort oder Folgerung für möglich, bin mir allerdings nicht sicher, ob sie so zutrifft, aber ich folgerte, als ich diese Geschichte hörte daraus, dass einige Leute wohl manchmal mehr als geneigt sind, einen deutschen Ku-Klux-Klan aufzuziehen – deshalb die Verbindung mit den USA, dort gibt’s auch Schwarze und die kamen wiederum aus Afrika, nicht ganz so freiwillig wie afrikanische schwarze Studenten nach Europa, aber immerhin, ein aufrechter Amerikaner wird sich gewiss schon lange gefragt haben, weshalb diese Schwarzen nicht wieder dorthin zurückkehren, wo sie mal hergekommen sind (wieder d i e s e s Argument!), da sie doch unfreiwillig in die USA kamen – aber das hatten wir schon einmal angeschnitten…..

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