Weg in Mimbach

Aus „KaffeehausSkizzen, 1998“

Aus längst überwucherten vergangenen Zeiten, von längst mit Gras und Moos und Ried überwachsenen Pfaden und versteckten alten Wegen, die nur schwerlich und dem geübten Auge zugänglich als solche erkennbar sind, kündet diese Stelle am unteren Ende des unweit der Blies gelegenen Teil des Dorfes, wo ich jetzt stehe und verharre und die Plätze, die heimlichen Schlupfwinkel, die fast alle einzig in meiner Phantasie der letzten dreissig Jahre existierten, erkunde – oder besser gesagt, wieder aufsuche – sie sind noch da, es gibt sie noch, das abgelegene Wehr, die alte Flussbarriere, als man die Blies begann einzudämmen, dort, wo sie seit vielen Dekaden für eine kurze Strecke in gezähmten Bahnen dahinströmt, sich aber anhört wie Wildbäche des entlegenen Nordens. Als ich hier stand als Kind, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, hatte ich Angst vor dem Wasser, das sich, höchst ungewohnt für mich, in einem sehr breiten Band dahinwälzte – ich vermied es, dem abschüssigen Steilufer zu nahe zu kommen, diese Stelle bildete das rechte Ufer einer Insel in der Blies, die teilweise als Weide genutzt wurde. Es war etwas Besonderes, hinüber auf diese Insel zu gelangen. An einer Stelle weiter flussabwärts ertrank vor über vierzig Jahren, als meine Mutter ein junges Mädchen war, eine junge Frau in ihrem Alter – wir später geborenen Kinder bekamen die Stele gezeigt, wo man ihre Leiche gefunden und sie aus dem Wasser gefischt hatte. Vor dieser Stele fürchtete ich mich fortan. Gerade heute, da ich wieder einmal hier stehe, die Blies und ihre Ufer betrachte, fällt es mir wieder ein – inzwischen fehlt was, vor vielen Jahren gab es hier noch ein Summen in einem unbestimmbaren aber zu lokalisierenden Ton, er stammte aus der alten Mühle am Wehr, das Geräusch laufender Maschinen, die Getreidemühlen – vielleicht erinnerte der Ton an fliegende Hornissen – schon aus einiger Entfernung von der Mühle konnte er wahrgenommen werden. Es bedeutete für mich nichts Gutes, diesem Geräusch nachzugehen, obgleich ich mich hier am Ende des Dorfe gut auskannte, aber er konnte mich einfangen, ich folgte ihm, er zog mich manches Mal in seinen Bann. Ich sah vom sicheren Eisengeländer abgeschirmt hinab in das reißende Wasser des Mühlengrabens, der direkt an der Mühle vorbeigeleitet wurde, sah schaudernd und fasziniert die einem offenen zähnestarrenden Krokodilmaul ähnelnden Gitterstäbe des Wehrs, das reißende Maul des Wasserraubtiers, das Wasser ausspie und Äste, ja mitunter sogar kleine Bäume in großen wirbelnden Strudeln gefangenhielt und sie dann urplötzlich, was von ihnen übrigblieb, durch die Stäbe ließ. Die Mühle selbst und die dazugehörigen Wirtschafts- und Wohnhäuser bilden zusammengenommen eine der ältesten Stellen im Dorf – als sie noch bewirtschaftet wurde, gingst hier unten lebhaft zu, heute ist es still und fern aller menschlichen Betriebsamkeit. Wie gewohnt lehne ich wieder am beidseitigen Geländer der Wehrbrücke, die zur Insel hinüber führt, schaue in scheinbar träge Fluten, die braun und schwarz und schlammig wirken, was aber von dem schlammigen Flussgrund herrührt, den Ablagerungen vieler Jahrzehnte industrieller Abwässerentsorgung. Wieder denke ich an die vergangenen Kinderzeiten, an die kleinen Erlebnisse, und wie klar sie mir im Gedächtnis geblieben sind. So geht es wohl alten Menschen, wenn sie die geliebten Orte ihrer intensiv gelebten jungen Jahre wiedersehen und -finden. Für einige Atemzüge bin ich ein Alter des Dorfes Mimbach, der seine besseren Jahre längst hinter sich hat und zu seinen Anfängen, zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Was der Beweggrund dafür sein mag – es ist weniger die müßige Sonntagsvormittagsstunde, eher der Gedanke an eine triste Jugend. Es ist an der Zeit nachzudenken und sich an erfreulichere Ereignisse der Vergangenheit zu erinnern, seien sie auch dürftiger und weniger zahlreich als die meiner gleichaltrigen Zeitgenossen. Heute sind wir Männer und Frauen um die Dreissig und darüber hinaus, wir benutzen die alten Namen von früher, wenn wir uns anreden bei einem zufälligen Treffen, nicht ohne Stolz – und nicht ohne ab und zu aufblitzende Melancholie. Wir teilen sie mit, wenn wir zufällig durch Erzählungen uns einander öffnen, nennen sie aber nie beim Namen – wenn alte Geschichten wieder und wieder aufgewärmt werden, sehen wir uns selten in die Augen dabei, die, wenn wir beim Erzählen sind, sich mit Tränen füllen. Oder waren’s meine eigenen und ich gab mich einer Täuschung hin. Heute teilt niemand mit mir eine Geschichte oder eine Träne – ich stehe allein am Wasser, schaudere genauso wieder beim Geräusche des Wehres – dieser Ort besitzt wahrlich noch etwas, das mich nach langer Zeit noch berühren kann. Bis hierher könnte mir keiner folgen – drüben im noch einzigen bewohnten Haus sehe ich ein paar Leute die Treppe herabgehen, sie steigen in ein Auto und fahren davon, zwei Mädchen, ein älterer, hochgewachsener Mann, womöglich der Vater der Mädchen – sie fahren weg, das Klappen der Autotüren wird von den Wänden reflektiert, ein stumpfer nasser Ton, und alles übertönt der laute Fluss. Sie gehören nicht hierher, dessen bin ich mir sicher, sie würdigen die Mühle keines Blickes. Stadtmenschen, die kommen und leer, wie sie kamen, wieder verschwinden. Halten diese Menschen auch einmal Andacht an die Kindheit? Was sagt einem Fremden, der nicht als Kind dabeigewesen ist, die Farben des Wassers an einem bestimmten Tag in einer bestimmten Saison, oder das Fehlen eines vertrauten Geräuschs, das zudem noch monoton ist wie ein langes Om tibetanischer Gebete und Gesänge in entlegenen Klöstern des Himalaya. Sie sind weg, als seien sie nicht vorhanden gewesen. Ich gehe weiter.

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