Begegnung

  Aus „KaffeehausSkizzen, 1998“

Welch eine Hektik in dieser unausgeschlafenen Stadt in einem noch weniger ausgeschlafenen Landstrich! Soeben musste ich in Panik und Todesangst über die Strasse hetzen, sonst hätte mich ein um die Kurve preschender Mercedes glatt überfahren – und das am frühen Nachmittag, während der alltäglichen Siestazeit – aber kann ich mir die günstigsten Zeitpunkte wirklich aussuchen, bei denen ich um mein Leben laufen muss?! Der Fahrer schreit mir zornig irgendwas zu hinter der geschlossenen Windschutzscheibe, ich verstehe kein einziges Wort, doch setze ich mein dämlichstes Grinsen auf und drehe mich scheinbar freundliche nach ihm um. In diesem Augenblick genieße ich es, das Gemüt eines dreizehnjährigen Schulbuben zu haben, obwohl ich in einem Alter bin, in dem man einen solchen Sohn haben könnte. Aber ich sehe es auch gleich ein, es ist unnötig, aufmüpfig zu sein, es gibt nur böses Blut – und es passierte viel zu viel Ärgerliches an einem einzigen Mittag passiert, der ganz anders, heiterer, viel heiterer hätte verlaufen sollen – jedenfalls in meiner innersten Vorstellung. Aber dem Fahrer hätte ich liebend gerne noch einen meiner obszönen Fingerzeige – rechte Faust vorgereckt mit ausgefahrenem Mittelfinger – hinterhergeschickt, ich lasse es sein, heute ist genug gescherzt worden.

Wohin soll ich gehen, was gibt’s Neues in Blieskastel, und dann fällt mir ein, in der Alten Markthalle des Rathauses läuft eine Ausstellung, die ich nicht versäumen sollte. Ich überquere – da mein Ziel für heute , eine interessante Beschäftigung für die nächsten paar Stunden bis zu meinen Studienarbeiten am Abend zu haben, bestimmt und ausgelotet ist, diesmal um einiges vorsichtiger als vorhin – entschlossener und energischer die Strasse, es ist auch momentan kein Auto unterwegs, und den Marktplatz in Richtung Rathaus. Bevor ich die ehrwürdige Halle betrete, mein Herz klopft heftig, oder ist es die Nachwirkung über den ausgestandenen Schrekken? – betrachte ich eingehend das neben der Eingangstür angebrachte große Plakat, das die Ausstellung mit den Worten ankündigt: “6.000 Jahre Bliesgau”. Den größten Teil der Ausstellungsstücke sind Funde aus Altheim und Rubenheim, bei deren Ausgrabung ich zeitweilig mitwirkte – ich will sie wieder sehen, da diese Stücke, darunter eine goldene Fibel und einige Schwerter aus der Merowingerzeit, restauriert wurden, vor längerer Zeit packte mich schon die Neugier, sie in ihrem jetzigen wohlbehüteten Zustand zu sehen. Nachdem ich den Eintrittspreis bezahlt habe unterhalte ich mich kurz mit Walter R., dem Initiator dieser archäologischen Ausstellung, und einem weiteren jungen Mann, Erik, der ebenfalls mitwirkte im Rubenheimer Wald und auf dem Altheimer merowinigschen Gräberfeld – zu R. sage ich, er sehe keineswegs restaurierungsbedürftig aus, da er einen feinen Anzug, ein weißes Hemd und eine sehr moderne Krawatte trage – und das mitten in der Woche. Der junge Erik lacht, Walter grinst säuerlich über meinen vergleicheziehenden Scherz. Er entgegnet, irgendeiner müsse schließlich Haltung bewahren und Kultur herzeigen – falls sechstausend Jahre im Bliesgau nicht genügen sollten. Walter versteht meine Scherze, er ist vieles von seinen ehemaligen Gehilfen zurückliegender Ausgrabungskampagnen gewohnt. Beinahe gerührt denke ich an diese Zeit zurück, Wochen verbrachten wir dabei in freier Natur, meistens im Rubenheimer Schornwald, es war harte Arbeit, aber sie gab uns eine Art Befriedigung, die keiner anderen Arbeit innewohnen kann, jedem von uns auf seine Art, die wir nur Laien auf dem Gebiet der Vor- und Frühgeschichte waren. Es gab verzwickte und schwierigste Situationen, die es zu meistern galt. Wochenlange Regengüsse, die den reinen Lehm des Waldbodens aufweichten, trockene Zeiten, in denen der Boden wie Zement zusammenbackte – die reinste Knochenarbeit für einen Ausgräber. Und dann die ausgiebigen Feste hinterher, wenn die Grabungen vorüber waren – und hier in der Alten Markthalle konnte der Besucher, wie ich einer war, das Ergebnis aller Bemühungen besichtigen: die ausgestellten, sorgfältig beschrifteten Fundstücke, gesäubert, konserviert, fotografiert, dem interessierten Betrachter sorgsam in ausladenden Glasvitrinen dargeboten – welche Mühe, harte Arbeit und aufgebrachte Geduld steckte im Anblick dieser Exponate.

Da liegen die Altheimer Schwerter, Axtklingen und die bekannte Goldfibel – Fotos und Zeichnungen zeigen ihren in verschiedenen Ausgrabungsphasen dargestellten Zustand – daneben liegt das Original unter Glas – frisch restauriert, sie sieht aus wie neu. Ein kleines Meisterstück spätgermanischer Handwerks- und Goldschmiedekunst. Lange und genau schaue ich sie mir an und bedauere wieder, dass ich nicht dabei war, als man sie ausgrub. Wann bin ich wieder weggegangen aus dieser Ausstellungshalle, zwei Stunden später? Drei Stunden später? Erst, nachdem ich beinahe jedes originale Stück aus den keltischen und merowingischen Gräbern betrachtet, den dazugehörigen Begleittext auf großen aufgestellten Tafeln gelesen habe, bin ich fürs erste zufrieden. Aber wiederkommen will ich noch mal und einzelne Objekte fotografieren. Wieder draußen auf der Strasse gehe ich einen Kaffee trinken in einer der Blieskasteler Kneipen. Die Sonne steht tief am südwestlichen Himmel, lange Schatten der Platanen und der umliegenden Häuser rund um den Blieskasteler Marktplatz verdüstern ihn, auf dem um diese Tageszeit weit mehr Fahrzeuge als um die Mittagszeit parken – ein gewohntes, aber unschönes Bild. Ehe ich mich in Gedanken versunken wieder an die unmittelbare Gegenwart, sprich Langeweile, die in Gestalt blecherner Wunderwerke moderner Technik den Platz übervölkern, gewöhne, tippt mir jemand auf die Schulter. Es ist Volker, ehemaliger Ausgräber wie ich, der seit Jahren bei Walters Projekten dabei ist – und jüngst von der Bundeswehr entlassen – er studiert bereits in Saarbrükken, wie er mir erzählt. Aber das jetzige Studium sei nicht das richtige Studium, fügt er gleich darauf hinzu. Auf meine Frage, welches Fach er denn studiere, sagt er etwas kleinlaut – Chemie. Doch werde er bald ins Fach Archäologie überwechseln. Wieder einer von diesen Verrückten mehr, sage ich lachend. Er meint, die Archäologie sei wie eine Sucht, früher oder später würden wir uns alle dort einfinden. Unter oder über der Erde, frage ich ihn. Dann verabschiedet er sich. Über die unstete studentische Jugend nachsinnend gehe ich quer über den Platz, und dann erwischt es mich beinahe doch noch. Um Haaresbreite verfehlt mich ein zurückstoßender Renault 4. Und hinterm Steuer sitzt jemand, den ich gut kenne – Mechthild, eine junge Frau aus Blieskastel. Sie entschuldigt sich mehrmals, sie habe mich nicht gesehen und lädt mich spontan ein, mit ihr nach Hause zu fahren und Kaffee und Kuchen zu genießen, als Wiedergutmachung für den ausgestandenen Schrecken.

Nachdem ich meine fünf Sinne wieder beisammen habe, erfreue ich mich an dem sündhaft schwarzen Kaffee, dem munteren Geplauder Mechthilds, die eine komplette Schwarzwälder Kirschtorte unterwegs gekauft hat und der leisen spanischen Musik aus dem Radio. Schon eine Weile sitze ich in ihrer Wohnung an einem kleinen runden Tisch, verschlinge ein Stück Kuchen nach dem anderen und frage mich allmählich, was ein schreiender Mercedesfahrer mit einer runden Goldfibel und dem Schwarzwald zu tun hat.

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Ein Kommentar zu „Begegnung

  1. Beste Stücke Literatur, danke dafür, hat mich heute Morgen „ertüchtigt“. Die Luft schleicht sich raus. Ob es am Nov. liegt? Immer die Angst, dass nicht…

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