Der etwas andere Weg

Blieskastel vor zweiundsiebzig jahren, 9. november 1938, sagt dieses datum noch hier & da jemandem etwas, ich weiss nur eines: damals haette ich nicht leben wollen, denn es flogen viel zu viele glassplitter umher, & die luft war schwer wie blei: Pogrom in Grossdeutschland, Volks-Zorn, Volks-Genossen & -genossenschaften, staatlich angeordneter terror gegen ein paar wehrlose leute, die schuld an den folgen des versailler vertrages & des ausbruchs des 1. weltkrieges sein sollten. die schuld auf sich laden durch all die jahrhunderte, in denen das christentum ihre schuld erkannte.

gleichwohl, in jener nacht & am folgenden tag endete im saarland, die beschaulichkeit, breitfurter, mimbacher & ein unbekanntes kontingent webenheimer maenner in SA-uniformen traten die tueren juedischer bewohner in blieskastel ein, misshandelten viele leute, verhafteten & transportierten sie in den folgenden tagen & wochen ab in verschiedene lager, wie die KZ´s so schoen pfadfinderdeutsch heute noch genannt werden – Theresienstadt, weiss noch jemand, wo dieses „lager“ sich befand, sogar ich weiss es nicht genau, irgendwo in der heutigen Tschechei. aber das grauen ist ueberall, selbst in jener kleinen, provinziellen stadt blieskastel. auch hier wurden juedische menschen ermordet – oder zu mordplaetzen gekarrt, schlimmer eingesperrt als schlachtvieh. alles, was von ihnen blieb, sind die gedenksteine aus bronze, eingelassen in das pflaster der gerbergasse, bronzene monumente in form von katzenkopfpflaster. aber die erinnerung, diese erinnerung, ist wichtig & sollte erhalten bleiben, unser zeitgeist der 10er jahre kann bald umkippen in totalitaeren duenkel.

doch selbst blieskasteler buerger kannten & fanden mittel & wege, wenigstens ein paar Leute zu schuetzen & durch die kommenden schweren jahre zu bringen. selbst in jener unheilsnacht machten einige nachbarn der jüdischen bewohner ihrem unmut wegen des brutalen vorgehens von sa, ss &/oder gestapo luft, die unverfroren & mit grosser grausamkeit die leute misshandelten.

kann sich noch irgendjemand an den gespenstischen anblick erinnern, als vor jahren eine horde neonazistischer glatzkoepfe fuer mehrere tage in blieskastel residierten, wie sie, stets in der fest geschlossen nen gruppe durch die von-der-leyen-straße zogen? sie hatten nur eines im sinn: krawall machen. sie verbreiteten angst, das muss ich sagen, aber sie zerstoerten nichts oder poebelten die leute an, nichts von alledem. aber aeusserst beunruhigend ihre praesenz & ihr auftreten.

nur zu gerne wuesste ich ein paar namen der sa-leute, die aus mimbach, webenheim oder breitfurt, es waren bestimmt nicht wenige, ihre beweggruende, gefuehle & hintergruende, weshalb sie in diese nazistischen organisationen eintraten & mitmachten, was die partei, ihre partei, mehr oder weniger offen befahl.

ich darf sie allesamt verachten, urteilen moechte ich (noch) nicht, aber die wahrheit sollte ans licht, das scheint mir wichtiger.

wohl wissend, dass es keinen trost, jedoch eine hoffnung gibt, denke ich, seit ich von diesen terrortagen weiss, an die juedischen menschen damals, die all das erleiden mussten. es waren & bleiben menschen – die bewohner blieskastels juedischen glaubens waren im sozialen gefuege dieser typisch saarlaendischen kleinstadt voll integriert & akzeptiert, ja geachtet. sie waren nur menschen aus fleisch & blut, die oppenheimer, joseph &/oder david mit familiennamen – es gehoert nicht viel dazu, sie nicht zu vergessen, ab & zu an sie zu denken, es gibt diesen „anderen“ weg durch blieskastel, den zu gehen etwas ganz besonderes bleiben sollte, im gedenken an die menschlichkeit, an die ungluecklichen juedischen menschen in blieskastel zu jener zeit.

 

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