Kein leichter Weg

  – Hermann Hesse und seine politischen Schriften (aus: KaffeehausSkizzen)

Bestimmt ist vielen Lesern Hermann Hesse ein Begriff aus der eigenen Jugendzeit, selten konnte ein Schriftsteller und Dichter die Gefühle von Heranwachsenden im stillen Aufbegehren, dem inneren Widerstand der von ihm dargestellten Personen ausdrücken, die die verschiedenen Lebens- und Schaffensperioden der eigenen Person sind. In seinen Werken erkannten und erkennen sich noch immer unzählige Leser.

Zeitlebens war er politischer Mensch – entgegen seiner eigenen Aussage im Laufe seines Lebens – politisch im weitesten Sinne des Wortes, alle zwischenmenschliche Tätigkeit, alles Tun und Denken von Menschen sind nichts anderes als Politik – dies konnte Hesse in seinen zahlreichen, facettenreichen Romanen zur Sprache bringen. Zeitlebens gab er leidenschaftliche Kommentare zu Politik, Weltgeschehen und den vielen Spielarten deutschen Zeit- und Ungeistes. Dabei dozierte er nicht wie ein Gelehrter, er lieferte auch keineswegs Dogmen oder Geheimrezepte zu weltpolitischen Fragen der Zeit, er dachte moralisch ohne zu moralisieren. Vielleicht sprach er das aus, was gemeinhin als menschliche Vernunft bezeichnet wird, doch vergaß er nie, den einzelnen Menschen, den Individualisten, derjenige, der in der Gesellschaft anders denken und leben will, hervorzuheben – er lebte diesen Menschen vor. Sein Lebensweg ist in seinen Werken ausgedrückt und fortgeführt.

Seine politischen Schriften sind überwiegend in zwei Einzelbänden als Suhrkamp-Taschenbuch, „Politik des Gewissens“, 1981 erschienen. Es sind Auszüge aus Briefen, Rezensionen, Aufsätzen, Gedichten, sonstige Kurzprosastücke, sowie Beiträge anderer Autoren oder Leserbriefe, die nicht immer mit ihrer politischen oder sozialen Anschauung mit der seinen übereinstimmen, darin enthalten.

Vor allem hatte er der unruhigen Jugend etwas zu sagen, dabei wollte er niemandem seine Meinung aufzwingen, sondern ein bestimmtes Bewusstsein zur Sprache bringen. Ich persönlich bin der Meinung, dass Hesse dies besonders gut in seinen Briefpassagen ausdrückte, sie sind intimer und damit, so meine ich, dem Leser zugänglicher: „Gerade das, ….. , dürfen wir nicht: über die Zeitgeschichte schimpfen, weil sie skrupellos ist, und selber ebenso skrupellos sein. Gerade das ist unser Vorrecht, und unser Adel, dass wir Skrupel haben, dass wir nicht alles für erlaubt halten, dass wir das Hassen und Töten und alle übrige Sauerei nicht auch noch mitmachen. Hier fängt jede Kultur an, jede Beseelung des an sich viehischen Lebens, auch jede Möglichkeit zur Kunst, zur Religion, zu allem geistigen Wert. (…) S. 507, Band 2. Band 1 der politischen Schriften beginnt mit einem Tagebuch vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs an bis zum Oktober 1914 – anfangs klingen noch ein paar begeisterte Gedanken über den Kriegsausbruch an, er ist ebenso mitgerissen von den ersten Kriegsereignissen und -erfolgen der Deutschen, aber bald überwiegen die Notizen über die Entwürdigung von Menschen, seien es Soldaten oder Zivilpersonen in einem Krieg, der nichts an Heroismus und patriotischem Gedankengut an sich hat, nur grausames Sterben und nacktes, menschliches Leid hervorbringt. Dass er in seinen politischen Aufsätzen und Zeitungsartikeln in den Kriegsjahren überall und bei jedem, der in Deutschland kaisertreu und streng patriotisch (padre-idiotisch?) dachte, aneckte und sich dadurch viele Gegner und Feinde schuf, ist nicht verwunderlich. Es galt damals, und gilt leider auch heute noch, dass Weite und Weitsicht als verschwommen angesehen werden, dass Gefühle für oder gegen eine Sache, eine Einstellung, als Sentimentalität, als Romantisieren abgetan werden, wer nicht für eine Sache spricht, der ist gegen sie, man ist nicht allzu fern von einem Begriff wie >Feigling< entfernt. Hesse war keiner – er hatte sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet, wurde aber wegen seiner schlechten Augen für untauglich erklärt, er arbeitete dann mehrere Jahre, bis 1919, für die deutsche Kriegsgefangenenfürsorge. Hesse verabscheute alles Fanatische, somit die Verblendung von Menschen, die drohende Gefahr der bewussten Irreführung durch Parteien und anderweitige Institutionen. Dabei gebärdete er sich keineswegs als Maler des Weltuntergangs, als Mahner mit erhobenem Zeigefinger – stets dachte er an den Menschen an sich, an dessen Recht zur Verwirklichung als Einzelwesen – Hesse selbst lebte als echter Individualist weit abgelegen von Metropolen und deren Moden im Tessin, aber keineswegs blind und taub für das Weltgeschehen, was man ihm, ersteres, zeitlebens krumm genommen hat, letzteres weitgehend verschwieg oder ignorierte. Doch wer wie er kompromisslos lebte und viele Jahre in großen finanziellen Schwierigkeiten steckte – Hesses Bücher waren in Nazi-Deutschland verboten – wer keiner Partei angehörte oder einer bestimmten politischen oder staatsphilosophischen Gesinnung nachging, wer jede Tätigkeit verweigerte, die mit Gewalt, mit Vermassung und jeglicher Vereinheitlichung zu tun hatte, wer dennoch nicht schweigen wollte, wie viele Schweiger in verschiedenen Staaten und zu allen Zeiten es getan haben, konnte nur ein Dorn im Auge derer sein, die Bestehendes bewahren wollten, so verknöchert und überaltert dieses auch sein mochte.

Hesse starb 1962, sein Lebens spielte sich im ersten, und wie ich denke, interessanteren Drittel des 20. Jahrhunderts ab – er aber, der große Individualist, hat uns womöglich noch genügend zu sagen. Wenn man über einen Schriftsteller sagen kann, er habe Profil – es trifft auf den Dichter Hermann Hesse zu.

Vielleicht tragen die beiden Taschenbücher einiges dazu bei, den Menschen und Humanisten Hesse besser zu verstehen.

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