Rache ist sauer

– Persönliches zum Orwell-Jahr

Im sogenannten Orwell-Jahr 1984 über den Schriftsteller George Orwell noch etwas zu schreiben, erscheint wohl manchem ziemlich müßig, da die Story dieses Romans, eine düstere Zukunftsvision, in den letzten Jahren und Monaten ausführlich behandelt worden ist. Aber Orwell, sein richtiger Name lautete Eric Arthur Blaire, hat noch ganz andere Sachen geschrieben, die es wert sind, dass man über sie mehr als ein Wort verliert. So z. B. den zweiten Teil der Essays „Rache ist sauer“, deren beide Bände im DiogenesVerlag erschienen sind. Der zweite Teil ist für diejenigen Leser interessant, die sich für Salvador Dali´s Person interessieren. Orwell hat nämlich in dem Essay „Zu Nutz und Frommen der Geistlichkeit – Einige Bemerkungen über Dali“ recht deftig über die Autobiographie des surrealistischen Meisters geschrieben. Seine Aussage hat mit in meiner Meinung über den spanischen Maler sehr beeinflusst. Und zwar negativ – wen´ s interessiert, wohlgemerkt. Was mir an seiner ganzen Schreibweise, seien es kleine journalistische Notizen zum Zeitgeschehen oder die Prosa seiner großartigen unbekannteren Romane gefällt, ist sein klarer Stil. Er schreibt deutlich, stellenweise so glashart, dass einem der Atem stocken könnte. Er beeindruckt mich durch seine Offenheit und Ehrlichkeit, auch sich selbst gegenüber, wie sie selten bei einem Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts feststellbar ist. Vielleicht rührt es daher, dass er jahrelang als Journalist für Rundfunk und Zeitungen tätig war, ehe er nebenbei an seinen Romanen arbeitete. A pro pos – seine Romane, neben >>1984<< hat er noch etliche andere geschrieben. „Mein Katalonien“, oder das berühmte „Der Weg nach Wiegan Pier“. Das erstere stellt keinen Heimatroman dar, sondern ist ein Bericht über seine Kriegserlebnisse als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg. Auch in diesem Essayband „Rache ist sauer“ ist eine Art Nachlese, „Rückblick auf den Spanischen Krieg“ enthalten, die mich durch die zutiefst menschlichen Beweggründe des Autors, diesen Bericht zu schreiben, beeindruckten. Anhand von alltäglichen Eindrücken und kriegstypischen Erlebnissen legt er die Grausamkeit und Gedankenlosigkeit bloß, die er dadurch anprangert, indem er sie scheinbar emotionslos beschreibt. Durch seine schonungslose Ehrlichkeit auch sich selber gegenüber wirkt er dabei nie effekthascherisch oder sentimental, geschweige denn schulmeisterlich. Das zweite Buch, „Über George Orwell“, versammelt etliche erstmals ins Deutsche übersetzte Essays sowie Rezensionen und Briefe aus seiner Feder. Erinnerungen über ihn und einige zeitgenössische Essays, u. a. von Bertrand Russel und Arthur Koestler. Hier erfährt man viel Privates über den Menschen George Orwell, aber auch einiges über den Sozialkritiker, der er zeitlebens war, Orwell war zeit seines Lebens Sozialist, jedoch kritisierte er seit seiner Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg die stalinistische Sowjetunion, sein Synonym für das Totalitäre schlechthin. Er schrieb seine treffsicheren Kommentare über alle möglichen Zeitprobleme auf eigenwillige Weise, in seiner berühmt gewordenen Kolumne AS I PLEASE (wie es mir gefällt) verblüffte und faszinierte er in unregelmäßigen Abständen seine Leser.

Abgerundet wird das Buch durch eine ausführliche Zeittafel und eine Biografie. Alles in allem: Zwei interessante Taschenbuchausgaben über einen englischen Schriftsteller, der vierunddreißig Jahre nach seinem Tod immer noch – oder nach wie vor – wichtig ist. 1

1Veröffentlicht im Petzau 1984

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