Ergänzungen zum Krummau-Oktalog 1991

  Einmal, im vorigen Winter, waren wir beide in Prag, in diesem grauen, östlichen Winter, schmutziger Schnee zuhauf und die schwarzen malerischen Türme von Prag vor Augen. Prag ist an vielen Stellen trist und bietet dem Auge nur städtische Ödnis, zum Glück, was wiederum sehr zweifelhaft aufzufassen ist, ändert sich das bald. Dann sieht es hier aus wie in den anderen europäischen McDonalds-Metropolen, laut, bunt und – westlich. Einmal in Prag – schon denken wir weiter, ans nächste Frühjahr. Wir wollen nach Krummau reisen, in ihr Geburtsland und ihre Stadt, in der sie sechs Jahre ihres Lebens verbrachte. Von unzähligen Fotografien kenne ich Krummau, alte Postkarten mit vergilbten Farben betrachte ich mir sehr gern, und außerdem – aus dem alten Film „Traumstadt“, eine Verfilmung des surrealistischen Romans von Alfred Kubin, Die Dunkle Seite. Wenn wir dorthin kommen, wird es zeitiges Frühjahr sein, zum Glück wird es dann nicht mehr so grau wie im Dezember in Prag dort ausschauen, vielleicht sind die Berge und Wiesen bereits mit frischem Grün übersät, ich weiß es nicht, die alten Bildpostkarten verraten nichts über das heutige Gesicht der kleinen, uralten Stadt an der Moldau. Wie sie klingen, diese Namen und Bezeichnungen, Österreich, Kaiserin Maria Theresia, Böhmen, Herzland Europas – sieht man einmal von den magischen Städten Florenz und Rom ab. Welche Rolle spielte damals wohl Krummau?! War es ein verschlafenes Nest hinter den sieben Bergen Böhmens? Ich werde versuchen, es herauszufinden. Indem ich gemeinsam mit ihr dorthin fahre – in dieses Donaudreieck Passau-Krummau-Linz. Und Krummau hat so wenig mit der Donau zu tun, es ist getrennt durch die böhmischen Gebirgszüge, gäbe es diese nicht, der Moldau-Fluss wäre nur ein unbedeutendes Rinnsal.
Und ich – ich trage einen Haufen Fragen an dieses Land, diese Gegend, mit mir herum – und möchte alle beantwortet wissen. Was sind das für Leute, diese Deutschen, die sich Böhmen nennen? Es gibt doch ebenso noch Böhmen, die Tschechen sind – was hatten sie miteinander zu schaffen? Weshalb waren sie sich so spinnefeind? Diese Frage weiß ich in etwa zu beantworten – die Politik der Mächtigen in all den vergangenen Jahrhunderten, die Arroganz eines Volkes gegenüber einem anderen, hervorgerufen und unterstützt über viele Jahre hinweg durch Ausbeutung und Unterdrückung. Immer dort, wo zwei Kulturen aufeinandertreffen, entstehen diese Konflikte.
Auch das möchte ich noch herausfinden, ob es noch Relikte aus jener Vergangenheit gibt. Ich kenne viele Meinungen böhmischer Flüchtlinge, die sich nach dem Krieg hier in Deutschland niedergelassen haben, kenne ihre Erzählungen aus den Kriegstagen, als es den Deutschen – verdientermassen – an den Kragen ging. Aber es muss doch ein Zusammenleben mit den vielen Völkern gegeben haben, es muss doch Erfreuliches gegeben haben in den friedlicheren Zeiten vor 1938 – vielleicht werde ich es finden in den fünf Tagen, in denen wir uns dort aufhalten.
„Zuerst haben sie halb Europa in Brand gesteckt, und dann wundern sie sich, dass es ihnen so grausam an den Kragen ging.“ Der Gedanke eines jungen Mannes, dessen Eltern ebenfalls aus Böhmen stammen. Er bezieht sich auf alle Deutschen. Und noch etwas: was wird der Vater meiner Freundin sagen, wenn er seine Heimatstadt wiedersieht? Welche Geschichten werden dann wieder in ihm aufkeimen, an was wird er sich erinnern? Ich werde ihm viel von dem guten Wein einschenken, und dann wird er bestimmt zu erzählen anfangen – er selber arbeitete als Bauer, Bäcker, Fuhrmann und was weiß ich noch alles. Damals wurde noch Holz nach Prag auf der Moldau geflößt – wurde noch Holz mit großen Schlitten von den umliegenden Bergen abgefahren, eine gefährliche Arbeit, die dem Großvater meiner Freundin vor beinahe siebzig Jahren das Leben kostete. Ich weiß von ihren Vorfahren nur, dass es harte, zähe Leute gewesen sind – es war ein hartes Land, ist es womöglich heute noch, ein solches Land und die entsprechenden Zeiten dazu, bringen solche zählebigen Leute hervor. Darin unterscheiden sie sich erheblich von den Leuten in unserer Zeit. Aber ist das der einzige Unterschied? Ich werde ununterbrochen rätseln, bis ich einige Indizien gefunden habe, die mich vielleicht befriedigen können.
Vier Tage sind wir unterwegs, quer durch die Vorderpfalz, Baden-Württemberg, Bayern, bis hinüber in die noch weiter östlich gelegene Tschechoslowakei. Für ihren Vater ist es nur die >>Tschechei<<. Dorthin möchte er, wo er vor fünfzig Jahren jung war und gearbeitet und gelebt hat. Wie mag ihm zumute sein? Wie mag ihr zumute sein, wenn sie diese alten Orte sehen wird? Wenn sie beide sehen, was von ihren mehr oder wenigen vagen Erinnerungen übriggeblieben ist? Erstmal verfahren wir beide Unerfahrenen uns in Stuttgart – gar nicht so einfach, den Weg zu ihrem Vater zu finden, wie tausend Schlangenzungen winden sich die Strassen der Vorstädte Stuttgarts und im Ort Kemnat, bis wir endlich vor seiner Tür stehen. Er ist ein ungeduldiger Herr von achtzig Jahren, der bereits an der Gartentür steht zu unserer zweifelhaften Begrüßung, der mit rotem Gesicht und blitzenden Indianeraugen uns klarmachen will, dass wir uns schlimm verspätet haben.
>>Ihr seid’s aber spät dran! Kommt ihr aus Amerika?<< Seine Bagage ist wenig umfangreich und leichtgewichtig, ein kleiner Koffer und eine Tasche mit zwei Paar Schuhen. Dann geht es weiter nach Bayern hinein und quer darüber weg, wie klein mutet mich unser Saarland an, innerhalb einer knappen Autostunde kann man an fast allen saarländischen Grenzen anlangen – hier ist das Land weit ausgebreitet, allmählich geht es in die Niederungen des Donautales über, wenn von Niederungen überhaupt gesprochen werden kann. Der bayrische Wald ist da von einer gänzlich anderen Sorte, es geht rasch steil bergan, anfangs auf einer funkelnagelneuen Autobahn, dann biegen wir in Richtung Passau ab, danach geht es in Richtung deutsch-tschechische Grenze. Rose döst, ihrem Vater ist es zu eng geworden im Fond des Golfs, er möchte an die frische Luft – außerdem ist es Zeit, etwas zu essen. Ich verlasse die Autobahn und suche ein Lokal, wo wir ein Mittagessen zu uns nehmen können – wir finden auch eins, das Essen schmeckt leider nicht gut. Aber wir essen trotzdem, bis zum Einbruch der Dunkelheit werde ich nicht wieder anhalten.
Unsere Unterkunft im Bayerischen Wald ist ein einfacher Gasthof, verbunden mit einer Metzgerei – klein aber gemütlich. Bei der Wirtin bestelle ich Andudeln, im Glauben, es seien Pfälzer Würste – wie sich herausstellt, sind es auch pfälzische – oberpfälzische – Andudeln.

Man merkt doch, dass du in der Pfalz arbeitest, wenn du dir hier schon pfälzische Würste bestellen willst.”

Ja – so tief bin ich gesunken, dass ich mich im tiefsten Bayern bereits als Pfälzer fühle.” Die Würste schmecken gut – das dunkle Bier schmeckt noch besser.

Ob es hier schon tschechisches Bier gibt?!”
Bei unserem abendlichen Rundgang durch das kleine Städtchen entdecken wir keines. Nur viele Geschäfte mit Reiseandenken, Kirchendevotionalien und den üblichen Andenkenkitsch. Begleitet von den Glocken der nahegelegenen, alles überragenden Zwiebelturmkirche umrunden wir das Altstadtviertel – dann ist es Zeit fürs Bett. Der dichte Nebel am nächsten Morgen verspricht nichts Gutes – wir brechen trotzdem auf, obwohl es so aussieht, als sei der November wieder hier eingekehrt, es ist kalt wie im Winter. Hier in den Bergen ist es nun mal so, sagt ihr Vater zu uns. Wie wird es auf der anderen Seite sein, die tschechische Seite dieser Wälder ist noch höhergelegen als die bayrische. Zur Grenze sind es nur wenige Kilometer, die wir schnell hinter uns gebracht haben. Die Zollformalitäten lassen sich zwar nicht vermeiden, aber nach einer dreiviertel Stunde ist dies auch vollbracht. Dann – hinter der Grenze, nur wenige Kilometer weiter im tschechischen Land der schroffe, offensichtliche Gegensatz zu Deutschland, dem säuberlich abgeleckten Gärtchen, das wir als Bayerischen Wald bezeichnen – hier ist tatsächlich noch echter Wald zu finden, und Ödnis und Wildnis und nirgendwo ein Rastplatz, oder eine Mülltonne oder ein Briefkasten. Wir fahren durch Wälder, die sich lange, lange hinziehen, die Strasse windet sich durch sie hindurch, meistens sind es Fichten- und Tannenwälder. Dicht stehen die Bäume, bis nahe an die Strasse reicht der vollgewachsene Bestand der Fichten und Tannen und Kiefern an die Strasse heran, dann wechselt die Landschaft allmählich, wird wieder offener – es ist hier höher gelegen als auf der deutschen Seite, um einiges höher, ich kann es an der Vegetation erkennen, hier auf der Seite des Böhmerwaldes ist noch Mitte Februar, auf der bayrischen Seite ist es Ende April – Schneereste vegetieren noch hier und da in Kuhlen und Mulden an den schattigen Hängen der langgestreckten Berge. Die Gegend ist dünn besiedelt – die Strecke, die wir bis jetzt zurückgelegt haben, und dabei kaum zwei nennenswerte Ortschaften durchfuhren, hätte in Deutschland mindestens zwanzig Ortschaften hervorgebracht. Die Orte selbst – kleine Dörfer, die kaum den Namen Dorf verdient haben, ein paar hingeduckte Häuser, die Strasse mitten durch – schon vorbei, dem Auge entglitten. Vimperk, Prachatitz sind die ersten größeren Stationen, an denen wir haltmachen – Prachatitz ist alt, mittelalterliche Gebäude gibt es zuhauf, viele Barockhäuser, alte Burganlagen, ein uraltes Stadttor, wahrscheinlich aus dem 11. oder 12. Jahrhundert. Ihr Vater weiß nicht, wie alt das Tor ist, aber hier ging er zur Schule, hat seine Lehre als Bäcker begonnen und als Bäcker gearbeitet – er zeigt uns den Rathausplatz – gepflastert mit Kopfsteinen, die krumm und buckelig und abgeschliffen aus der Erde ragen, den Platz fast unbegehbar machen – sehr kurios und alt wirkt das Muster der Steine, ihre zufällige Anwesenheit in einer mittelalterlichen Strenge. Wir beginnen in unseren Winterkleidern zu frösteln und beeilen uns, ein Restaurant aufzusuchen, es steht am Rathausplatz, ragt von allen anderen der benachbarten Gebäuden heraus durch seine elegante Pracht – die anderen Häuser sehen seltsam mitgenommen aus. Vom Zahn der Zeit, vom Krieg, vom vernachlässigenden Sozialismus. Wie prachtvoll wirkt dagegen Prag, voll herausgeputzt, blinkend mit seinen goldenen Türmen und Dächern, alles sauber in den Strassen, alt zwar, uralt, aber weltmännisch und adrett herausgeputzt. Alle Drei sind wir ein wenig enttäuscht – vor allem ihr Vater, dessen Unmut über die tschechische Gammelwirtschaft an diesem Morgen noch zunehmen wird. Wir erklären ihm, dass hier in der Tschechoslowakei die Menschen nichts tun konnten, den Verfall aufzuhalten, es gab keinen Pfennig für die Instandhaltung der historischen Gebäude, geschweige denn für deren Renovierung. Nur in den wenigen Vorzeigestädten wie Prag, Pilsen, Budweis, Eger und anderen wurde die Bausubstanz erhalten, diese aber vorbildlich im östlichen Sozialismus. Die Kommunisten hatten kein Geld für Kulturdenkmäler, schließlich ging der Hauptanteil an Devisen an die Sowjetunion. Aber für ihn sind Tschechen, Polen, Russen und Ukrainer Schlamper und Saboteure, die alles verkommen ließen. Früher, zu seiner Zeit und unter seinesgleichen, habe es hier so schmuck ausgeschaut, die Deutschen wären so auf Sauberkeit bedacht gewesen, so eine Schlamperei habe es damals nie, in keinem Ort nicht, gegeben. Manchmal verstehe ich seinen harten böhmischen Dialekt nicht, der in meinen Ohren wie eine Mischung aus Bayrisch und österreichisch klingt, fragend schaue ich Rose an, sie winkt ab – später wird sie mir alles erklären. Die Suppe, die wir hier am Vormittag serviert bekommen, schmeckt ausgezeichnet. Was nicht heißen soll, dass es hier jederzeit gutes Essen gibt. Dann unterwegs wieder die altvertraute Ödnis der Landschaft im Spätwinter des Jahres 1991 – mir gefälltes. Die Strassen sind holprig und schmal, teilweise reparaturbedürftig, aber wir haben schlimmere Strecken hinter uns gebracht in Jugoslawien oder Südfrankreich. Gegen Mittag reißt die Hochnebeldecke auf, und es gibt einen strahlenden blauen Himmel zu sehen – und deutlich wärmer ist es geworden.

Dann taucht sie auf – die magische Stadt Krummau an der Moldau, mit dem markanten Rundturm der Burg, der auf das 10. Jahrhundert zurückgehen soll. Von vielen Fotos, die Rose mir zeigte, ist mir das Stadtbild schon vertraut, der Turm allein ist unverkennbar – so etwas gibt es im Westen Deutschlands nicht zu sehen.

Krummau -Ceski Krumlov – über der Moldau/Mltava gelegen – über den Bürgerhäusern thront das Schloss, die Schlossburg mit dem noch mächtigeren Turm – er wird gerade restauriert, ist von Baugerüsten umgeben und umstanden, die seine wahre Romantik verhüllen – ich kenne ihn gut von den alten Fotos her, seine derzeitige Baustellengestalt stört mich wenig.

In der Tschechoslowakei ist momentan alles im Umbruch.

Der Parkplatz wird bewacht, was uns sehr recht ist, umgerechnet kostet er für eine Parkzeit von ca. vier Stunden drei DM. was sehr teuer für hiesige Verhältnisse, für uns wiederum spottbillig ist. Es ist wie im Märchen. “In Krummau und oben im Schloss sind schon viele tschechische Märchenfilme gedreht worden.“ In einem der besten Hotels der Stadt nehmen wir unser Mittagessen ein. Es gibt die typisch tschechisch-österreichische Küche – deftig, einfach und ziemlich übelschmeckend. Was sollen wir anders erwarten!? Das Hotel ist eines der obersten Preisklasse, nach westlichem Niveau aber kaum vergleichbar. Müssen wir alles an unserem Goldenen Westen messen? Der quadratische Marktplatz ist blitzblank und sauber, jedenfalls für die hiesigen Verhältnisse. Das heisst, die Hintergassen und Nebeneingänge, die den eigentlichen Kern der Altstadt bilden, sehen sehr verwahrlost aus.

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