Mit den Augen nach Osten

Veröffentlicht in „Kaffeehaus-Skizzen, 1998“ 

Zum Mittagessen gab´s Schwenkbraten auf Kosten des Hauses. Vorher hatte es schwere Arbeit gegeben, wir hatten ein Zeltdach über dem eigentlichen Hauptgrab, dem Grabhügel, aufgebaut – das Dach des Zeltes bestand zum Teil aus Plastikplanen und Leinen, die zu einem Rotkreuzzelt gehört hatten, in dem einmal Pferde – nein, nicht ärztlich versorgt, sondern nur untergebracht worden waren. Es roch wie im Landgestüt in Zweibrücken, wenn zwei Jahre nicht ausgemistet wurde. Seit zehn Tagen regnete es fast ununterbrochen – selbst die Schubkarren mussten mit zwei Mann vorangebracht werden wegen des Schlammes und der aufgeweichten Walderde. Einer zog den Karren, der andere hielt die Balance auf den Bohlen, die wir bis zur festen Strasse gelegt hatten. Es gab sonst kein Vorwärtskommen, wir mussten wegen der großen Menge Erde, die wir bewegten, die Halde in großer Entfernung von der Grabung anlegen, allein aus Platzgründen. Die ersten Tage waren nur mit Abräumen der oberen Erdschichten ausgefüllt, bevor die eigentliche Filigranarbeit, bei der jedes Archäologenherz höher schlägt, beginnen konnte.

Nun hatten wir erst einmal Pause, vor dem Regen und vor der Dreckarbeit. Aber der Regen wurde stärker, die Temperatur fiel von Tag zu Tag, acht Grad waren es um die Mittagszeit unter der Zeltplane. Aber die Kälte schuf eine gemütliche Stimmung, weil es im Zelt schön dunkel war. Ausserdem sah man nicht so genau, welches Fleisch man da wirklich aß. Der Grabungsleiter Walter Reinhard gab den Leuten, die am schwersten arbeiteten, zwei Schwenkbraten aus auf Kosten des Archäologischen Vereins, den er vor wenigen Wochen gegründet hatte. Das gemeinsame Essen in unserer duftenden Kantine stimmte ein bisschen versöhnlich angesichts der Dreckarbeit. Die schlechte Witterung machte uns zu schaffen, auch ging sie dem einen oder anderen aufs Gemüt. Wie gut, dass es einige Zeitgenossen gab, denen die frohe Laune nie verloren ging, an einen erinnere ich mich besonders gut, ein älterer Mann um die Sechzig. Er stammte aus Rubenheim, war schon bei zahlreichen Grabungen im Rubenheimer Wald, zu dem diese Stelle gehörte, dabei, auch auf seinem Grundstück im Ort wurde bereits etwas aus römischer Zeit gefunden. Mit seinen witzigen Erzählungen aus seiner Jugend unterhielt er uns gerne. Unser Grabungsleiter hatte ein Auge darauf, diese, wie er sich ausdrückte, Erzählstunden nicht ausufern zu lassen – manchmal sogar fiel ein scharfes Wort, dass wir wieder an die Arbeit gehen sollten. Einer sagte zu ihm, er bekäme von ihm zu seinem nächsten Geburtstages eine lange Peitsche geschenkt, da er solch großes Talent als Sklaventreiber entwickele. Ausserdem seien wir zwar Sklaven, aber keine Kriegsgefangenen.

Das musste gesessen haben, es passierte am Vortag, wahrscheinlich begründete dies seine großzügige Spende. Von nun an trieb er uns mit den Worten: “Auf auf Ihr Männer von Galiläa” zu Arbeit an, wenn wir die Mittagspause einige Minuten überziehen wollten – bis einer auf die Idee kam, wir sollten so lange sitzen bleiben, bis er diesen Satz sagen würde, erst dann sollten wir mit unserer Arbeit fortfahren. Es klappte von dieser Sparte aus gesehen recht gut. Erst nach einigen Tagen roch er den Braten.

Die Ruhepausen, improvisiert meist aus dem einen Impuls heraus, sich eine Zigarette anzuzünden und zu verschnaufen, waren wichtig, es wurden Witze gemacht und der neueste Klatsch erzählt, ehe es wieder von neuem in den Matsch ging.

Da war eine Kollegin, Barbara, an die ich mich gerne erinnere, sie arbeitete ein paar Tage mit mir an einer Stelle, die etwas Eigenartiges zu finden versprach. Sie hatte Holzkohlenreste in der Nähe des Fußendes vom Hauptgrabhübel entdeckt. Dies hätte auf ein weiteres Grab oder ein Brandgrab mit mehreren Bestattungen hindeuten können, wären da nicht unmittelbar unter der Holzkohle zerbröselnde Kalksteinfragmente aufgetaucht, natürlich gewachsen, nicht von Menschenhand benutzt. Es war ein enttäuschender Fund, bewies er doch, dass hier kein Grab zu finden war. Wir Beide rätselten tagelang herum, ob es sich nicht um das Grab von Idefix handelte, dem Lieblingshund von Obelix, dem Gallier. Klein genug war es ja, die Größe hätte gepaßt. Ich machte ein paar Fotos von den einzelnen Stadien der Ausgrabung, immer in der Furcht, von dem Grabungsleiter zurechtgewiesen zu werden, da wir nichts als Unfug anrichteten. Die Fotos wollte ich später in einer Satire über Archäologen verwenden. Meine Kollegin und ich amüsierten sich über dem vermeintlichen Grab über unsere Bosse. Aber es gab keinen Protest und keine Zurechtweisung. Erst viel später sagte mir ein Bekannter, Barbara und der Grabungsleiter hätten etwas miteinander. Da war also der Hund begraben!

Sie hatten in der Tat etwas miteinander. Im darauffolgenden Sommer des Jahres 1985 sollte ich ein ganz anderes Erlebnis haben, auf dem Blieskasteler Altstadtfest – ich stand betrunken aber glücklich in der Menge und hörte Sandy Davis zu, einem Saarbrücker Sänger, der Oldies zum besten gab, als jemand meine Hand grapschte und sie festhielt. Es war Barbara, die nette Kollegin, sie lachte mich auf ihre immer fröhliche Art an und fragte, ob ich nicht Lust verspürte, mit zu den anderen Teilnehmern der Ausgrabungszeit vom Vorjahr zu kommen, die alle in der Nähe der Bühne stünden und einen draufmachten. Also schloss ich mich ihr an, sie hielt noch immer meine Hand. Kaum hatte ich ein paar freundliche Worte mit den Leuten der Grabungen gewechselt, wurde ich von einem Bärtigen angerempelt, der mich anbrüllte, ich solle seine Frau loslassen, ich hätte sie betatscht. Jemand hinderte ihn daran, mir eine reinzuhauen. Ich hätte mich nicht gewehrt, ich war betrunken, glückselig, berauscht von der schönen Musik und dem Elsässer Riesling. Jemand sagte zu dem Mann: “Du hast den Falschen erwischt, an Deiner Stelle würde ich mich auf andere Personen konzentrieren, die die Hände von der Frau nicht lassen können. Bist Du so blind?”
Nachdem das so genannte Idefix-Grab sich als historisch nicht haltbar erwiesen hatte, stand ich allein auf weiter Flur, ohne einen Arbeitspartner. Hier und da half ich noch aus, meistens führte ich einen einsamen Kampf mit der Schubkarre im Matsch, der allmählich wieder festere Formen annahm, es regnete nicht mehr so stetig. Manchmal ließ ich sie stehen und liegen, wo sie stand und ging abseits in den Wald, für eine Stunde oder mehr, dem Leiter sagte ich, er solle es mir vom Lohn abziehen, der sowieso gering war. Dann lief ich hinüber zu den anderen Keltengräbern, etwa fünfhundert Meter von unserer Grabung entfernt, die wir zwei Jahre zuvor aufgegraben hatten, ich schaute sie mir an, wie ich es immer tue, wenn irgendein Ort schöne Erinnerungen birgt, nachsehen wollte ich, ob noch etwas hängengeblieben war, dort, wo ich einmal längere Zeit sehr intensiv gelebt und gearbeitet hatte, mich dabei wohlfühlte – hinterher war es immer enttäuschend, auch dieses Mal. Nachdem ich mich Standesehen hatte, kehrte ich wieder an meine Arbeit zurück – Schubkarren fahren.

Um meine angeknackste Stimmung wieder aufzumöbeln, sagte der Grabungsleiter vor versammelter Mannschaft, ich hätte mit ihm das Frauengrab entdeckt, was nicht stimmte. Er hatte es zusammen mit dieser Barbara entdeckt, ich stand zufällig daneben, die Hand in der Tasche meiner abgewetzten blauen Jeansjacke, rauchte eine Zigarette, wieder einmal über den nicht enden wollenden Regen fluchend. Die Entdeckung dieser Grabstätte war der erste Lichtblick in unserer Arbeit, es barg die Überreste eines Frauenskeletts mit je zwei bronzenen Oberarm- und Unterschenkelreifen, die sehr einfach und elegant gearbeitet waren, dicke Ringe aus Bronze, ohne Verzierungen. Unser Grabungsleiter säuberte persönlich die Steine und befreite sie von Schmutz und Erde, um die Stelle später genauestens fotografieren zu können. Das tat er dann auch gleich selbst. Ich beobachtete ihn bei dieser Arbeit und griff zu meinem Fotoapparat, einer handlichen Rollei, hielt die Szenerie fest, wie er das Grab sorgfältig und aus vielen Blickwinkeln fotografierte. Dies war einer der nicht gerade seltenen Momente, bei denen man merkt, dass man ein blutiger Laie ist, man ist von dieser ernsten Angelegenheit, diesem selbsterzogenen Akt des strengen wissenschaftlichen Arbeitens vor Ort ausgeschlossen – hier fragte keiner der Archäologie Kundigen, ob man mithelfen wolle, niemand gab einem Anweisungen, wäre ich gegangen, niemand hätte es wahrgenommen. Aber es war die Neugier, die mich bleiben hieß.

Schade, dass man nicht gleich an Ort und Stelle das Alter der Frau feststellen konnte. Das tat ein Institut in Mainz, das die Knochen untersuchte. Ich stellte mir natürlich eine junge Frau vor, vielleicht war sie so hübsch und katzenäugig und schwarzhaarig wie die junge Freundin Sabine von Tiss, meinem alten Freund. Welche Tracht trug sie, welches war ihre Haarfarbe?, dies meine ich mit Neugier. Natürlich interessierte mich darüber hinaus der Stil und die Epoche, während der dieser Grabhügel entstand – Siebenhundert Jahre vor Christus, beginnende La-Tene-Zeit, diese Begriffe und Schlagworte waren mir zu nüchtern. Aber das ist die trockene Wissenschaft mit ihren trockenen Interessen, meine dagegen sind laienhaft, wie gesagt, über solch modischen Dinge wie Haartracht zerbrach ich mir eher den Kopf. Das brachte mir in der Vergangenheit ein ums andere Spott ein. Bei dieser Ausgrabung hielt ich mich mit meinen Gedanken etwas zurück. Vierzehn Tage vor Beginn dieses Ausgrabungsabschnittes, im August, half ich dem Grabungsleiter im Böckweiler Wald, der in einem Mardell Ausgrabungen machte. Der ältere Mann, den ich bereits erwähnt habe, nahm auch daran teil. Damals erfuhr ich, was ein vorzeitliches und mittelalterliches Mardell ist, nämlich eine Lehmgrube, die Bewohner eines Dorfes benutzten, um Lehm und Ton für ihre Ziegel und Gefäße zu erhalten. Vieles mehr erfuhr ich noch, zum Beispiel, dass es übernatürlich große, versteinerte Hoden eines urzeitlichen Krebses gibt. Dies erzählte uns der ältere Mann.

W. behandelte mich in diesen Tagen weitgehend freundschaftlich – er erzählte mir viel über Kelten, Germanen, Römer, und die Funde aus diesen Epochen im Saarland. Er berichtete über Ausgrabungsmethoden aus den Zwanziger Jahren, die heute sehr vorsintflutlich anmuten. Ich hörte ihm genau zu, hütete mich aber, naive Kommentare abzugeben.

Seit der Gründung des archäologischen Vereins hatten sich einige Leute, die nun Mitglied waren, in erschreckendem Masse verändert. Ständig bemerkte ich Anzeichen dieser Veränderung, und sie gefielen mir gar nicht. Ich machte trotzdem weiter, mein Interesse am Ausgraben war zu groß. Einige der jungen Männer wollten sich vor den Profis hervortun, sie wollten glänzen. Ehrgeizig wie sie waren, entwickelten sie seltsame Führungsqualitäten, das hieß, andere Leute wie mich zum Beispiel, herumzukommandieren und Arbeiten zu vergeben, die sie selbst nicht machen wollten. Gerne tat ich ihnen den Gefallen, aber nur, um sie hinterher zu verspotten. Den einen, der mir bereits zu Beginn der Arbeiten suspekt geworden war, weil er sich mir gegenüber überheblich benahm, nannte ich zu seiner großen Überraschung “Tunichgud, mein treuer Mietsklave” – Tunichgud ist eine Comicfigur von Uderzo und Tabari in ihrem berühmten Comic Isnogud und in der Tat der Mietsklave dieses Grosswesirs, der Kalif anstelle des Kalifen werden will. Saukomisch, das Ganze – Tiss, den ich zu Anfang als einen Freund bezeichnete, hatte sich ebenfalls sehr verändert, seit er in München studierte und mit seiner jungen Freundin zusammenlebte. Mit ihr unterhielt ich mich manchmal recht gut, vor allem über Gottfried Benn und seine Gedichte. Werden nun manche Leser fürchten, dass dieser Dichter von den Archäologen nicht verschont bleiben wird, ich kann sie beruhigen, er liegt noch in seinem Dichtergrab, für Archäologen ist er noch sehr uninteressant.

Das schlechte Wetter wollte nicht enden in den sechs Ausgrabungswochen. Unser Leiter griff weiterhin zu seinen bewährten psychologischen Mittelchen, uns bei Laune zu halten. Das hieß, abends stieg im Bauwagen des Vereins eine große Party – die Frau eines Vereinsmitglieds kochte für uns Knödel und Sauerkraut. Bei keinem dieser kleinen Feste war ich dabei. Täglich fuhr ich meinen Schubkarren voll Erde auf die Abraumhalde, beseitigte mit anderen Helfern Bäume von den Gräbern, grub deren Wurzeln aus, half bei der Reparatur des Zeltdachs, machte kleine Besorgungen in der Stadt für den Verein. Ich wurde mehr und mehr schweigsam und zog mich zurück, Barbara bemerkte auch dieses. Sie versuchte mich aufzumuntern. Mit ihr verstand ich mich gut. Auch die anderen sind mir gut und wohlwollend im Gedächtnis geblieben, O. mit den Steinhodenkrebsen und den Greuelgeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, A., der pensionierte REFA-Mensch, der in seiner Freizeit Scherben zusammensetzte und es im Restaurieren antiker Gegenstände zu wahrer Meisterschaft gebracht hatte, der mit uns über Pornofilme diskutierte und wie sehr er diese verabscheue, die FKK-Kultur verdammte und den jungen Frauen auf den Po und den Busen schielte, M., mein Mietsklave, der nicht bemerkt hatte, dass er von mir auf die Schippe genommen wurde, T., der sich beim Grabungsleiter Liebkind machte und S., die einfach nur jung war und alle Männer becircen wollte. Die Grabung wurde abgeschlossen mit einem großen turbulenten Fest. Ich hatte mich nicht überwinden können, daran teilzunehmen.

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