Als Praktikant im Krankenhaus

Gestern noch Soldat, heute Schichtarbeiter in einer Klinik. Praktikant klingt so schön billig – da muss ich geradezu prosaisch werden, es ist ein prosaischer Job: Schüsseln waschen, die von der Nachtwache hingestellt wurden, Betten machen, wenn Patienten beim Waschen sind. Den Bettlägerigen bei Bedarf Bettpfannen unterschieben, die Schwerkranken füttern. Dabei weiß ich noch nicht einmal, was auf mich zukommen wird. Mit missionarischem Eifer bemühte ich mich in den vorangegangenen Wochen meiner Bundeswehrzeit, eine Praktikantenstelle zu finden, mühelos bekam ich sie auch bei der Homburger Uniklinik. Ich freute mich richtig darauf, am 1. Juli 1984 anfangen zu können. Und dies ist mein erster Tag: gerade bin ich im 4. Stockwerk angekommen und betrete die Station, da bemerke ich schon eine ungeheure Hektik auf dem Krankenhausflur, wie sich später herausstellt, ist gerade bei meiner Ankunft ein neu eingelieferter Patient gestorben. An sich ist das nichts Ungewöhnliches für eine Neurologische Klinik, gestorben wird überdies überall, aber ob es etwas mit meiner Ankunft zu tun hat? Ich bekomme am ersten Tag ein schlechtes Gewissen, gestern war ich noch ein ausgebilderter Killer, heute soll ich schon wieder Menschenleben retten. Eine seltsam irritierende Vorstellung. Der Stationspfleger begrüßt mich nach zehnminütigem Warten – dann erteilt er mir die erste Aufgabe: einen bettlägerigen Kranken soll ich waschen und saubermachen. Ich bin aufgeregt und verschütte etwas Wasser aus der Plastikschüssel, und am Schluss, als ich nach getaner Arbeit endlich erleichtert aufatme, sagt der kranke Mann zu mir, ich habe meine Sache gut gemacht, aber das nächste Mal sollte ich zum Waschen doch die Seife mit dem Wasser benutzen. Irgendetwas an seinem Ton fällt mir auf, ein gewisses Timbre. Er lacht mich freundlich an, vielleicht auch, weil ich deswegen erschrocken bin und schüchtern werde. Aber dann frage ich ihn: „Sagen Sie, sind Sie bei der Bundeswehr, sind Sie Berufssoldat?“

Nein, entgegnet er, er arbeite bei Saarberg und habe eine Menge Leute unter sich.

Na, dann danke ich auch recht schön, denke ich, zum Glück hat mich kein Zettkopp zurechtgewiesen. Ich verspreche ihm, nächstes Mal beim Waschen auch Seife zu benutzen, er solle dem Arzt nichts erzählen von meinem Missgeschick.

Wie unterschiedlich die Menschen doch riechen. Ich habe mir das Rauchen erst vor wenigen Tagen abgewöhnt und habe deshalb einen übersteigert guten Geruchssinn. Von Rasierwassern, der unterschiedlichsten Geruchsrichtungen bis zum Geruch von Tabletten oder Tinkturen reicht die heutige Empfindungsskala. Einen Krebskranken, ein Ägypter, der in Saarbrücken wohnt, der frisch operiert und ohne Aussicht auf Heilung hier in die Klinik zum Sterben kam, tupfe ich den ausgetrockneten Mund mit konzentrierter Kamillenlösung aus – gierig wie ein Verdurstender saugt er an dem Gazebausch, er scheint unerträglichen Durst zu leiden. Seine Nahrung bekommt er durch einen Schlauch in der Nase, der bis hinunter in den Magen reicht. Sein Mund, seine Nase, seine Ohren, seine Haare riechen nach geronnenem Blut und der angenehmen Kamillenlösung. Dann ist da der Kotgeruch beim Füttern eines anderen Patienten – Mittagessen und Scheiße – ich muss mich erst daran gewöhnen, diese beiden Handlungen von Menschen zur gleichen Zeit in einem Raum ablaufen zu sehen – und zu riechen. Nach ein paar Wochen rühren mich die Gerüche nicht mehr an, nur noch die Menschen, nur selten nehme ich die Gerüche als unangenehm wahr.

Dreimal am Tag messe ich Temperatur und Blutdruck von allen Patienten im Intensivraum, dort, wo die Schwerkranken liegen. Anfangs ist mir das peinlich, ich sehe das als Eingriff in die Intimsphähre an, besonders bei den schwerkranken Leuten, aber meine Bedenken werden von der jungen, hübschen Krankenschwester, Petra heisst sie, beiseite geräumt. Mit ihr arbeite ich am liebsten zusammen, sie hat ungeahnte Kräfte, obwohl sie sehr klein und zierlich ist, sie reicht mir nicht einmal bis zum Kinn. Ausserdem ist sie niemals wichtigtuerisch wie die anderen Krankenschwestern und entschuldigt sich sogar, wenn ich eine besonders dreckige oder anrüchige Arbeit erledigen soll. Dann ist da eine junge, hübsche Ärztin, die noch Empfindungen hat beim Anblick der vielen Leiden, bei denen besonders, die bald sterben müssen. Sie weiß ja ihre Krankengeschichte. Dies ist der Krebskranke, den ich anfangs erwähnte, ein Ägypter mit Saarbrücker Akzent, jetzt kann er wenigstens wieder fluchen, vor einigen Tagen, sah ich mich schon seine Leiche wegtransportieren. Er flucht von Tag zu Tag mehr, er hat einen tollen schwarzen Humor, und das gebe ich ihm zu verstehen. Ich bewundere den Mann, er bringt mir ein paar arabische Sätze und Wörter bei – er weiß vielleicht gar nicht, wie es um ihn steht.

Dann ist da noch ein anderer Kranker, ungefähr sechzig Jahre alt, unheilbar an Krebs erkrankt, etliche Tumore hat er im Gehirn – seinen schnellen Verfall, körperlich zuerst, geistig rege bleibt er viel länger, kann ich täglich verfolgen. Anfangs, als er gerade erst eingeliefert war, fragte ich mich, weshalb er überhaupt im Krankenhaus ist, dann verliert er die Haare, Lähmungen stellen sich ein, bis die rechte Seite gelähmt ist, sein rechter Mundwinkel hängt schlaff herab, er wird hilfloser. Mit ihm freunde ich mich an, so lange er noch einigermaßen ansprechbar ist, er stammt aus Landshut und spricht den sympathischsten bayerischen Dialekt, den ich bisher habe vernehmen können. Überdies hat er zwei hübsche Töchter, die ihn gelegentlich abends besuchen. Besonders die eine gefällt mir gut – sie merkt es und spricht öfters mit mir als mit ihrem Vater. Ich fahre ihn in einem Rollstuhl, in den ich ihn selbst hineinhieve, in das Raucherabteil am Ende des Flurs, wenn er nach dem Mittagessen seine geliebte Zigarre rauchen will. Anfangs kann er sich die Zigarre noch selbst anzünden, bald muss ich ihm das alles abnehmen. Aber er genießt das tägliche Rauchen. Ich genieße den Anblick und die kurze Gegenwart seiner Tochter. Er bemerkt es eines Abends und lächelt still vor sich hin, als sie und ich munter miteinander plaudern. Hoffentlich stirbt er nicht, solange ich hier arbeiten werde, denke ich dabei.

Diese beiden Männer bewundere ich, den Ägypter wegen seines Humors, den anderen wegen seines ruhigen, väterlichen Wesens. Der Bayer scheint von allen seinen Familienmitgliedern geliebt zu werden.

Dann sind mir wieder die Hexen in Weiß auf den Fersen. Besonders einer Schwester habe ich es angetan, sie gibt mir eine Dreckarbeit nach der anderen auf, es lässt mich kalt. Willig folge ich ihren Anweisungen, die Bundeswehrzeit ist noch ganz frisch in meinem Gedächtnis.

Ein dicker Mann wird eingeliefert, er ist so wirr, dass er angeschnallt werden muss an seinem Bett. An einem Abend, als wir ihn losschnallen, um ihn auf die Seite drehen und waschen zu können, reißt er mit einem plötzlichen unvorhersehbaren Ruck sämtliche Schläuche und Meidizinflaschen von dem Bettgalgen, er trägt auch einen Katheder, den reißt er sich augenblicklich mit aller Kraft aus seiner Harnröhre. Blut spritzt in einem dicken Schwall hoch, meine Hände, die Unterarme, der weiße Kittel und meine Jeans sind völlig besudelt. Meine Kollegin, die nette Krankenschwester, bleibt völlig ruhig und spritzt ihm eine Beruhigungsspritze in den Bauch.

Ich weiß nicht, wie sie das Blut stillte, bis ich mich gesäubert habe, vergeht eine dreiviertel Stunde, und für den Rest des Abends betrete ich nicht wieder das Krankenzimmer.

veroeffentlicht in „Kaffeehaus-Skizzen, 1998“

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