Ein Heinrich Schliemann des Saarpfalzkreises

veroeffentlicht in „Petzau´ 1985“ & „Kaffeehaus-Skizzen 1998“

Obwohl er sein Troja noch nicht gefunden hat, ist Walter Reinhard, der Vorsitzende des von ihm gegründeteten >Archäologischen Vereins des Saarpfalz-Kreises<, immer noch mit wissenschaftlicher Akribie dabei, Licht in das Dunkel jener schriftlosen Zeit zu bringen, die als Eisenzeit bekannt ist. Der Archäologische Verein wurde vor einem Jahr – 1984 – gegründet, seine Arbeit fordert, in enger Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Konservatoramt,die Erforschung der Vor- und Frühgeschichte im Saar-Pfalz-Kreis. Seine Mitglieder arbeiten größtenteils unentgeltlich. Aus dieser Mischung von wissenschaftlich Ausgebildeten und an der Geschichte ihrer Heimat Interessierten ergab sich eine Zusammensetzung, die den Zielen des Vereins sehr entgegenkommt. Auch um die Weiterbildung seiner Mitglieder macht sich der Verein verdient – in monatlich stattfindenden Vorträgen werden sie in allen Bereichen der Geschichtsforschung geschult. Die Vorträge behandeln bestimmte Zeitabschnitte wie Kelten- und Römerzeit unserer näheren und unmittelbaren Umgebung. Das Bliestal war in römischer Zeit bereits dicht besiedelt. Auch kommen dabei Altersbestimmung und Analyse der verschiedensten Fundstücke in Betracht. Ebenso die systematische Erfassung des gesamten bekannten Bodendenkmal-Bestandes, die Flurbegehung, wobei man lernt, unbekannte Fundstätten zu erkennen, die Restauration von Fundgegenständen – die Ausgrabung selbst.

Seit der Gründung hat der Verein umfangreiche Ausgrabungen im Saar-Pfalz-Kreis vorgenommen. Und alle waren sie nach Ansicht von Walter Reinhard erfolgreich. Im Rahmen eines Forschungsprojektes „Ältere Eisenzeit im Bliesgau“ wurden 1984 drei keltische Grabhügel archäologisch untersucht, auch sind Notgrabungen im Auftrag des Staatlichen Konservatoramtes durchgeführt worden, hier soll nur die umfangreiche Grabung, das merowingerzeitliche Gräberfeld in Altheim erwähnt sein. In drei Monate dauernder Arbeit wurden über einhundert Merowingergräber mit zum Teil aufschlussreichen und ergiebigen (im Sinne der Wissenschaft >ergiebig<, wohlgemerkt), Funden ausgegraben.

In jüngster Vergangenheit hat der Verein im Rahmen seiner Öffentlichkeitsarbeit zahlreiche Kleinausstellungen in Sparkassen, Banken, sowie im November 1984 eine grenzüberschreitende Großausstellung in der Gemeinde Gersheim, gemeinsam mit den befreundeten französischen Archäologen aus Bliesbruck, Herrn Schaub und Herrn Petit, durchgeführt. Noch in diesem Jahr wird eine Großaustellung „6.000 Jahre Bliesgau“ zunächst im Evangelischen Krankenhaus in Zweibrücken erfolgen (November 1985). Sie wird anschließend im Dezember 1985 in Blieskastel und zum Jahresbeginn 1986 in Saargemünd gezeigt. Auf dieser Ausstellung werden die wichtigsten Funde des Saar-Pfalz-Kreises und der näheren Umgebung zu sehen sein. Für 1986 ist die Fortsetzung der Ausgrabungen in Altheim vorgesehen. Es soll noch eine gemeinsame deutsch-französische Grabung im Departement Meurthe-et-Moselle vorgenommen werden, bei der Walter Reinhard als Spezialist für die Hallstattzeit, zusammen mit dem französischen Fachmann für diese Epoche, Herr Olivier Laurent, fungieren wird. Was die bisherigen Erfolge betrifft, die der Verein mit seiner Tätigkeit zu verzeichnen hat, so sind diese nicht hoch genug einzuschätzen. Zum ersten Mal konnte für unsere Umgebung bei den Kelten die Totenfolge nachgewiesen werden, da sich auf Grund der geologischen Zusammensetzung des Muschelkalkbodens die Knochen gut erhalten haben. Weiterhin können die Auffindungen eines sehr seltenen eisenzeitlichen Rasiermessers und – last but not least – zahlreiche Goldscheibenfibeln aus dem Altheimer Gräberfeld erwähnt werden.

Die Ergebnisse und Analysen seiner Grabungen bilden die Thematik einer noch nicht abgeschlossenen Dissertation, die den Titel „Die Hallstatt- und Früh-Latene-Zeit im östlichen Saarland“ trägt. Seine Doktorarbeit stellt dabei ein wichtiges Bindeglied zwischen früheren wissenschaftlichen Arbeiten dar. Der Zeitraum zwischen 800 bis 300 v. Chr., über den Walter Reinhard promoviert, ist vorher noch nie in unserem Raum wissenschaftlich behandelt worden.

Von neueren Grabungen, die sich auf das Gräberfeld von Rubenheim beschränken, erhoffen sich Walter Reinhard und seine Kollegen wichtige Aufschlüsse für die damalige keltische Kultur in der Zeit zwischen 750 bis 300 v. Chr. Ist das Rubenheimer Gräberfeld einmal komplett ausgegraben, soll im Saar-Pfalz-Kreis ein archäologischer Lehrpfad entstehen. Er steht in seiner Konzeption schon fest und umfaßt verschiedene archäologische Stationen und eine geologische Station: die Rekonstruktion des Fürstinnengrabes von Reinheim (Durchmesser 22 Meter, Höhe 4,60 Meter) – es soll vollständig restauriert werden, so dass der Betrachter einen Blick in die Grabkammer, auf die vollständige Bestattung mit sämtlichen Beigaben, werfen kann. Die umfangreiche gallo-römische Ausgrabungsstätte in Bliesbruck/Lothringen bildet eine weitere Station, zur Zeit ist dort die Rekonstruktion der Gebäude im Gange. Diese alte Siedlung soll ähnlich der Römersiedlung in Schwarzenacker aufgebaut werden. Weitere Station des Lehrpfades sind ein rekonstruiertes keltisches Grab mit typischem Steinkranz und einer Grabstele und die sogenannten >Rippelfelder< von Gersheim – letztere stellen eine geologische Sensation in Europa dar, man hat hier versteinerte Meeresformationen gefunden, die einzigartig sind.

P. S.: Aus heutiger Sicht wäre da noch einiges dazu zu sagen, wie dieser Artikel zustande kam und wie er letztendlich von W. Reinhard aufgefaßt wurde: Ich traf mich mit ihm in der Blieskastler Kneipe >>Alt Blieskastel<< irgendwann im Mai 1985 – er benahm sich eigenartig, eigentlich recht spöttisch, was war ich denn schon für ihn, ein arbeitsloser armer Student, der sich anmaßte, Journalist sein zu wollen. Aber was er wirklich wollte, war die totale Kontrolle über das Zustandekommen dieses Artikels. Wie gerne hätte ich meine wirkliche Meinung geschrieben, aber ich steckte in einer Zwickmühle – hier die seriös wirken sollende Zeitschrift PETZAU´, da die Zensur von Walter, der sehr auf seine Person in der Öffentlichkeit bedacht war. Zeitweilig tauchte er zuhause bei mir auf, um meine Arbeit heimlich zu überwachen – ich ließ es über mich ergehen, aber es gab mir zu denken. Selbst die Fotos, die mit dem Artikel veröffentlicht wurden, übergab er mir mit einem Gesichtsausdruck, als würde es ihm körperlichen Schmerz verursachen, einem Halunken wie mir solche kostbaren Dokumente seiner Arbeit auszuhändigen. Dabei waren über die Hälfte der beteiligten Personen Laien, und die wiederum machten die Hauptarbeit, vor allem die Dreck- und Aufräumarbeiten. Später, nach der Veröffentlichung des Artikels im PETZAU´ machte er mir die Hölle heiß wegen eines Druckfehlers, ich hatte sein Geburtsdatum mit 1946, nicht mit 1949, angegeben. Er war sehr gekränkt.

Weiter zurück: im Dezember 1984 fand in Gersheim im Kultursaal eine Eröffnungsausstellung des Archäologischen Vereins statt. Mich hatte man nicht eingeladen, ich ging aber trotzdem hin, ich wollte einen Artikel über diesen Abend schreiben – was aber mißlang. Es war fürchterlich, keiner sprach mit mir, ich wanderte ziellos hin und her, von einem Tisch zum anderen, außer ein paar höflichen Floskeln nahm sich niemand die Zeit, näher auf mich einzugehen. Und Walter behandelte mich wie Luft den ganzen Abend über. Es war mir eigentlich egal, ich konnte ihn damals schon nicht riechen, aber tief in meinem Inneren habe ich das Ganze wie einen Film gespeichert und für spätere Zeiten aufbewahren wollen. Nur – was wollte ich denn eigentlich damit anfangen? Es ist mir entfallen, Gott sei Dank, die Rache von Rudolf verraucht sehr schnell. Und im Laufe der Zeit habe ich sogar daraus gelernt. Dass ich keinen Pfifferling auf meine Idole geben kann, und Walter gehörte damals zu dem Personenkreis, den ich mir selber ausgewählt hatte im Geiste, die ich bewundern und ihnen nacheifern wollte. Das war wohl nix, Monsieur, sagte ich mir. Aber im Laufe der Zeit sind alle meine Idole für mich gestorben, er machte dabei nur den Anfang, nichts Besonderes eigentlich. Wie gesagt, ich hatte auch gelernt dabei. Sommer 1985: Am Blieskasteler Gollenstein findet ein Abschlußfest für die diesjährige Saison statt – Henri, Eric aus Bierbach und ich erklären uns bereit, die Nachtwache zu übernehmen, damit nichts gestohlen wird – wir bekommen als Bezahlung einen Kasten Bier. Ich habe bereits einen gewissen ironischen Abstand zu dem ganzen Theater, das da abläuft, begehe aber den naiven Fehler, ad hoc französisch sprechen zu wollen, und das noch mit einem Franzosen – der Franzose selbst versteht mich recht gut, ich werde nur wieder von oben herab von Walter und seinem Anhang behandelt. An diesem Abend traf es mich tief, da ich bereit war, so mir nichts dir nichts diese Nacht für diese Bonzen mir um die Ohren zu schlagen. Dann kommt eine böse Wende in meinem Leben und eine notgedrungen selbstverschuldete und überaus schmerzhafte Konsequenz.

Es war im spektakulären Sommer 1989, im August hatte ich mich von meiner Freundin getrennt, die mir damals heftige Vorwürfe wegen meiner Arbeitslosigkeit machte. Ich saß nun wieder zuhause und nervte meine Eltern, insbesondere meinen Vater, weil ich eine flüchtige Beziehung zu einer Frau begonnen hatte, die allerdings geheimbleiben sollte, sie war – noch – verheiratet. Es war das gleiche wie drei Jahre zuvor, ich steckte in derselben Klemme, trauerte meiner Freundin nach, die ich verloren zu haben glaubte und wußte weder ein noch aus. Auf einem Mimbacher Fest traf ich an einem sonnigen Sonntagnachmittag auf Walter und seine Bekannte/Freundin/Gefährtin – so genau wußte ich es nicht, Barbara aus Ensheim – ich kannte sie gut von unserer gemeinsamen Zeit der Ausgrabungen im Jahr 1985, damals hatten wir uns angefreundet. Und diesmal kam ich gut und herzlich ins Gespräch mit ihr, ich erzählte ihr von meinem Dilemma. Sie versprach mir, sich noch einmal mit mir in Verbindung zu setzen. Ich sollte irgendwann in den nächsten Tagen oder Wochen zu ihnen (?) nach Saarbrücken in die Wohnung kommen. Leider vergaß ich Trottel, sie um die Telefonnummer oder Adresse zu fragen. Das tat ich dann Tage später in Blieskastel, ich bat Walter um die Telefonnummer von Barbara – er tat so, als krame er in seiner Jackettasche – >>Ich kann sie jetzt nicht finden, wir reden später darüber.<<, war seine Entschuldigung. Ich gab mich nicht damit zufrieden, hatte ich sein schäbiges Schauspiel doch schnell durchschaut. Ich rief daraufhin seine damalige Lebensgefährtin an, jedenfalls war ich noch der Meinung, sie sei seine Lebensgefährtin noch. Sie war nicht zuhause. Und dann – ein paar Wochen später, an unserer Mimbacher Kirmes, kam der Knaller: Wie eine Furie kam Barbara auf mich zu, als sie mich im Festsaal zu Gesicht bekam, sie schrie mich an, wie ich eine solche Niedertracht nur habe ersinnen können, was für ein schäbiger Kerl ich doch sei – alles Vorwürfe, die mich bass erstaunen ließen. Und was das Schlimmste war, ich stand da wie ein geprügelter Hund, der nicht wußte, wofür er die Prügel bezogen hatte. Nachdem ich noch in der Bar auf Walter traf, der ähnlich reagierte, verstand ich allmählich. Mit seiner Lebensgefährtin aus Blieskastel war Schluss, was ich nicht wissen konnte, und die hatte natürlich einen Aufstand in der Blieskasteler Szene rund um Walter und wahrscheinlich ihn selbst noch zur Sau gemacht wegen meiner telefonischen Bitte um die Telefonnummer in Saarbrücken. Ich wollte nur ein Gespräch führen mit einer erfahrenen Frau, die mir vielleicht einen Rat hätte geben sollen. Und mit der Blieskasteler Dame und Walter und Barbara hatte ich es nun für alle Zeit verdorben. Ein paar Tage vor diesen Ereignissen lobte ich Barbara bei einer mimbacher Bekannten als gute Kameradin und dass es doch noch mehr Frauen von ihrer Sorte geben sollte. Es war entsetzlich – mein Freund R. riet mir, Walter eine in die Fresse zu hauen an jenem Kirmessamstag – aber es wäre dadurch noch schlimmer geworden, fürchtete ich, Ich wäre für alle Zeiten als Randalierer und Kirmesrowdie verschrien gewesen. Ich hatte so schon einen schlechten Ruf in Mimbach. Also grollte ich und versuchte, meinen Groll abzubauen und zu vergessen. – Aber es gab keinen Ausweg. Meine Ideale und Glaubensaspekte an gute und wertvolle, würdevolle Menschen, denen ich vertrauen konnte, waren dahin. Es dauerte lange, bis ich mich von diesem schockierenden Erlebnis einigermaßen erholt hatte. Die Zeit lief nicht spurlos an Walter, Barbara und der ehemaligen Lebensgefährtin aus Blieskastel vorüber. Wenn ich einer dieser Personen, am häufigsten natürlich Walter, in Blieskastel oder anderswo begegnete – reagierte ich eiskalt. Ich übersah ihre zaghaften Versuche, sich mir wieder zu nähern, ein knapper kalter, kurz angebundener Gruß, das war’s. Nie wieder, schwor ich mir, nie wieder falle ich auf diese Menschen herein. Und tat es von da an auch nie wieder. Es war besser so. Meine Fragen, die mich jahrzehntelang begleitet und fast unaufhörlich beschäftigt hatten, Was Bedeute Ich Anderen Menschen?, Wie DENKEN Andere Menschen Über Mich?, ließ ich bedeutungslos werden in meinem Gedächtnis. Sie waren ohne Wert, so, wie es diese Menschen, mit denen ich versuchte, zusammen sein zu können im Geist und gut mit ihnen auszukommen. Da ich einmal wieder meine Chancen bei den Leuten vertan sah, die mir – aber nur mir, für sie war ich von vorneherein bedeutungslos – etwas bedeuteten, wollte ich von nun an niemandem mehr eine Chance der Annäherung bieten, sei sie auch noch so freundlich gemeint. Freundlichkeit hat fast nichts mit Ehrlichkeit zu tun, musste ich damals und heute immer wieder feststellen. Es macht lediglich das Leben ein bisschen erträglicher. Manchmal wüßte ich doch gerne, was sie damals über mich dachten, und was sie heute über mich denken. Aber es geschieht nur noch aus einem kühlen Interesse heraus, so, wie ich mir die Vitrine in einem Museum anschaue. Manchmal wüßte ich gerne, wo meine Fehler wirklich lagen, nur, um daraus zu lernen. Ich weiß aber, dass sie lächerlich gering ausfallen würden – ich meine das nicht aus Überheblichkeit. Es sind nur falsche Worte, vielleicht sogar falsche Gesten, Gesichtsausdrücke, die man falsch aufgefaßt hat, aus irgendeinem Irrtum heraus, der mir immer verborgen bleiben wird. So, wie ich nicht frei von solchen falschen Interpretationen frei bin und – sein werde.

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