Erster Tag/Letzter Tag

 Erster Tag. In einem knappen halben Jahr werde ich 28 – mit kurzen Haaren, die ich nicht will, mit einem Studium ohne Berufsaussicht in der Tasche, was ich zu dieser Zeit weniger fürchte, mit meinen Idealen, die plötzlich nichts wert sein sollen, was mir Alpträume einbringt, die Summe eines Rekruten, der am frühen Nachmittag in die Bexbacher Kaserne einrücken muss. Dann soll ich auf einmal und fünfzehn Monate lang “müssen” – vorher musste ich höchstenfalls aufs Klo. Mir ist allenfalls rabenschwarz zumute, als ich am Kasernentor stehe, wie der Antritt einer Haftstrafe kommt er mir vor – dieser wäre mir lieber, dann wüßte ich, wofür ich das tue. Die Herren Unteroffiziere tun freundlich, noch kenne ich die Rangabzeichen nicht – das wird sich aber noch vor dem nächsten Tagesanbruch ändern. In die 5. Kompanie werde ich geschickt, wie sich bald herausstellt, die Ausbildungskompanie. Man weist mir mein Zimmer zu und mein Bett, man ist freundlich und hilfsbereit, fast kann ich sogar meine Tränen unterdrücken, die immer wieder hochquellen wollen – dann erhalte ich den berühmten Seesack mit der vollständigen Ausrüstung, es ist so vieles vertraut, das kenne ich aus Berichten meiner Freunde, die alle vor mir diesen Dienst tun mussten. Langsam füllt sich die Kammer, und zu meiner Überraschung treffe ich einen Bekannten aus Gersheim hier, er ist ein paar Jahre jünger zwar, aber womöglich hatte er sich den Gang hierher auch nicht herbeigesehnt.

– Ich war zu feige, antwortet er mir auf die Frage, warum er nicht verweigert habe. Damit wäre auch meine Lage genauestens beschrieben. Es kommen noch mehr Leute, ehe wir uns ein paar Minuten ausruhen können, Leute in Uniform, sie rufen uns auf den Gang hinaus – dann wird’s richtig und zum ersten Male militärisch. Nun kriegen wir die erste Lektion im Strammstehen und Rekrutenanbrüllen erteilt – wir richten uns in einer Linie aus, heben den Kopf in eine Richtung, teilweise sind wir noch in Zivil, es ist so eigenartig, aber etliches läuft für mich wie in einem Film ab – wovor ich so lange Zeit schreckliche Angstzustände hatte, nun stehe ich da in meinen privaten Klamotten und muss mich in einer Geraden ausrichten, ob ich will oder nicht. Was ich am liebsten täte? Am liebsten den Schreihals von Stabsunteroffizier unterbrechen in seinem Geschwafel und sagen, dass ich genug gehört hätte, ich wolle nun doch nicht so lange bleiben, wie ursprünglich vorgesehen, würde mich umdrehen, auf das Zimmer gehen, meine Tasche wieder nehmen und nach Hause fahren. Der Flur wird von einem wunderbar goldenen Licht ausgefüllt an diesem frühen Abend – es zieht mich hinaus. Das Gegenteil ist der Fall. Das Lachen bleibt mir vollends im Hals stecken, als uns abends von einem “alten Hasen” gesagt wird, wer unser Zugführer ist, er heizt Zylka, ist ein junger Leutnant und hat eine Auszeichnung und die strenge Ausbildung eines Einzelkämpfers der Bundeswehr absolviert. Als ein ziemlich harter Bursche, “Zyankali” heizt er bei den Soldaten, die seine Regietalente kennengelernt haben – den Namen trägt er zu Recht, wie ich später feststellen muss. Dann wird`s mir doch zuviel. Wir werden um 18 Uhr zum Essen geführt, müssen wieder in Reih und Glied antreten und im ersten Gleichschritt, der von Außen angeordnet wird, zur Kantine marschieren. Es kommen irgendwann die Tränen, und ich heule und heule und heule – mehr innerlich und unterdrückt – nur für mich; es schmerzt höllisch. Die Sonne steht noch rotgolden an diesem fünften April, fast spätwinterlich und so fern und unnahbar, als ginge sie es nichts an. Warum lasse ich es mir gefallen, denke ich, das soll ich fünfzehn Monate aushalten?
Letzter Tag. Es ist der achtzehnte Mai 1984, mein vierundzwanzigstündiger Wachdienst, den ich auf Grund meiner ärztlichen Feststellungen und Anweisungen gar nicht hätte antreten dürfen, ist soeben zuendegegangen. Ängste und Bedenken in den ersten Tagen meines Daseins als Rekrut in Bexbach ist einer lässigen, aber müden Ruhe gewichen. Mir kann nichts Schlimmes mehr passieren, es ist vorüber. Aber der letzte aktive Tag bei der Bundeswehr ist mir noch einmal beinahe schwergefallen. Diesen Umstand verdanke ich zweier meiner Kameraden aus der gleichen Kompanie, die sich vor diesem Wachdienst erfolgreich drücken konnten. Einer aus meiner Kompanie und ich mussten für sie einspringen. Aber nun ist dieser Dienst vorbei, und meine Dienstzeit sozusagen auch, ich habe Urlaub bis zur Entlassung am 29. Juni – noch fühle ich mich völlig als Soldat, aber nach der Wachablösung und auf dem Weg in die Heimatkompanie fällt dieser Umstand wie ein altes, zerlumptes Kleidungsstück fetzenweise von mir ab. Zwar habe ich noch eine Uniform an, trage die Dienstwaffe noch, aber es sind im Moment meine altvertrauten Dinge, die schon längst Geschichte sind – Auf der Stube angekommen, begrüße ich einige meiner Kameraden, die heute morgen aus dem Manöver zurückgekehrt sind, sie sind ziemlich erschöpft, schweigsam und irgendwie ernsthafter geworden – heute morgen haben mich viele am Schlagbaum der Wache gesehen und gegrüßt, als sie auf ihren Fahrzeugen in die Kasernen zurückkehrten, einige grüßten von ihren Fahrzeugen herab, schauten mich erstaunt an, mich als stellvertretenden Wachhabenden anzutreffen – andere gönnten es mir, sie grinsten höhnisch. Nun ist das vergessen, ich sitze auf diesem Stuhl zum letzten Mal, habe meine Pistole zum ersten und letzten Mal in der Waffenkammer abgegeben, schnüre meine Stiefel auf, rieche eine Mischung aus Romadur, Roquefort und faulendem Munster-Käse-Duft, der von meinen Füßen stammt, sie stinken deshalb so bestialisch, weil ich drei Tage lang nicht aus den Stiefeln gekommen bin – dieser Geruch gibt mir den Anstoß, meine Tasche schneller zu packen, schneller in meine Jeans und die Tennisschuhe zu schlüpfen und von hier zu verschwinden. Es stinkt hier. Niemanden von meinen Vorgesetzten treffe ich unten im Flur, ich sage dem UvD Bescheid, dass ich bis zu meiner Entlassung Urlaub habe, sogar noch einen Tag mehr, den ich ja nicht nachholen kann – und weg bin ich.

Mein gelber VW-Käfer fliegt leicht und behende durch Bexbach – erst nachdem ich diese Kaserne hinter mich gelassen habe, merke ich, wie müde ich bin, müde von diesen letzten acht Tagen – niemand kann das begreifen, niemand wird es verstehen. Es ist etwas, was mir gehört, mit dem ich machen kann, was ich will. Und was mache ich damit!? Zuhause dusche ich eine halbe Stunde lang – ich parfümiere mich von Kopf bis Fuß, bis mir der Geruch von käsiger Buttersäure nicht wieder in die Nase steigt. Noch stecken die vergangenen Tage tief in meinem Denken. Ich stelle meine Soldatenstiefel ordentlich auf die erste Treppenstufe im Treppenhaus, hänge meine Kleider ordentlich auf einen Stuhl, als seien es Uniformteile – den Grund, warum ich es tue, weiß ich nicht. Jeder Tag, der vergeht, bringt mich etwas weiter weg von Bexbach – ich bringe viele Texte zu Papier, schlafe ausgiebig und gehe viel an die frische Luft. Meide vieles Essen, vor allem Nudelgerichte und den Alkohol. Dann bricht tatsächlich der letzte Tag bei der Bundeswehr an, ein schöner, klarer Frühsommermorgen in Bexbach. Fast bin ich geneigt, so etwas ähnliches wie Wiedersehensfreude zu empfinden beim Anblick der Kaserne. Auch meine alten Kumpels, die unter Zwang zu solchen geworden sind, freuen sich, mich zu sehen, sind sogar neidisch auf meine inzwischen nachgewachsenen Haare. Aber dann herrscht wieder die Leere des Wartens, die jeder ehemalige Soldat kennt, der einmal kaserniert gewesen ist. Die Kleiderabgabe, Unterschriften, Laufzettel, Abmeldeformalitäten lassen wir gelassen über uns ergehen. Manche spotten über die ersten Rekruten, die bereits da sind, mir tun sie alle nur leid. Als wir unsere Rekrutenfotos wieder auf den Formularen sehen, zum ersten und letzten Mal, wundern wir uns, wie weit aufgerissen unsere Augen sind, fast bei allen Freunden, die nun auf die Entlassung warten.- Das ist der Schock am ersten Tag, sagt einer. Ich gebe ihm insgeheim sehr recht, wir lachen beide sehr grimmig über diesen Scherz, der leider keiner war. Dann sind wir auf einmal tatsächlich entlassen, es geht plötzlich sehr schnell. Ich kann mich nicht annähernd so freuen, wie ich es in meinen lange zurückliegenden Träumen als Rekrut mir einst ausgemalt habe. Es ist einfach da, dieses überklare Bewusstsein, diesem deutschen Lustspiel eines Kasperletheaters entronnen zu sein. Nachmittags kaufe ich mir eine kleine Flasche Whisky, trinke sie schnell aus, lege mich ins Bett und schlafe und schlafe und schlafe.
veroeffentlicht in „Kaffeehaus-Skizzen 1998“

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