Flügellahmer Ikarus

  veroeffentlicht in „Kaffeehaus-Skizzen, 1998“

Lebewohl Catherine Deneuve, lebwohl Marylin Monroe, lebwohl Candice Bergen, lebwohl Julie Christie und wie sie alle heißen mögen, die Schauspielerladies aus den sechziger Jahren, lebt wohl, ihr Kinofilme und Fernsehserien, worin ihr auftratet und mir den Kopf verdreht und die Sinne verwirrt habt, seit ich zwölf Jahr alt bin. Wenig später kamen die wirklichen Frauen in Gestalt von gleichaltrigen Mädchen, kurz vor der Pubertät, Fohlenbeine und sehr, sehr neugierig, die himmelte ich genauso an wie meine fernen Kinolieblinge, aus der Sicht eines Jungen kurz vor der Pubertät. Beinahe dreissig Jahre sind vergangen – und heutigentags ist eine Frau das Fundament meines Lebens geworden. Nur das Gebäude, das auf diesem Grundstück stehen soll, ist noch nicht einmal in Planung.

Wozu soll ich noch Lebewohl sagen, es gibt da eine gewaltige Grenze in meinem Denken, die vor nahezu zehn Jahren gezogen wurde, sie schreitet noch immer voran, wird länger und länger, krümmt sich und bildet Kurven aus, schreitet um Ecken und Zacken ins Unendliche.

Dies ist ein gewaltiger, unendlicher Schlussstrich. Meine weiblichen Idole müssen dabei auf der Strecke bleiben. Weshalb sollte ich die Empfindungen schildern, die ich vor zwanzig Jahren hatte, wenn ein hübsches Mädchen in meine Nähe kam, mich küsste oder sogar mit mir schlief? Weshalb die Traurigkeit vergeblicher Rendezvous erzählen, die zu rasender Trostlosigkeit führte und manchmal in solchen Fluchten wie Besäufnissen und Drogenräuschen gipfelte? Es waren keine Leiden an sich, es waren Leiden an den Frauen, die ich verehrte. Heute weiß ich, es hat mit Eitelkeit zu tun, die schnell verfliegt, aber immer wiederkehrt, wie ein Stehaufmännchen. Diese Unbelehrbarkeit hatte sich ausgeweitet und mich geprägt bei jeder unglücklich endenden Liebschaft – selbst dann noch, wenn ich seltsamerweise einmal das Gegenteil davon erlebte, was ja das Streben jedes Romantikers ist, die Verehrung und persönliche Heiligsprechung einer, oder besser gesagt, aller hübschen, jungen Frauen, ließ nicht nach. Was ist die Folge dieser Absichten, was die Absichten dieser Schlussphase? Ich sehe mich heute als Ikarus aus der griechischen Sage, der der Sonne zu nahe kam, als er sich bereits sicher glaubte im menschlichen Fliegen. Die Federn lösten sich vom schmelzenden Bienenwachs, als er der Sonne zu nahe kam, und er stürzte ins Meer.

Ist das deutlich genug?!

Lebwohl Marylin, lebwohl Catherine, lebwohl Candice und Julie obendrein. Lebwohl, du Traumfrau der siebziger und achtziger Jahre, als ich zu glauben begann, erwachsen zu sein, wenn es um den Umgang mit Frauen ging. Zeitweilig wurden meine verehrten Ladies immer jünger, bis runter auf knapp Fünfzehnjährige – ich war neun Jahre älter. Die Geschichten endeten, wie sie enden mussten. Niemand trägt Schuld, es gibt keine Schuldigen, es gibt nur die Triebfeder des Triebes, die Ikonisierung eines einmal ins Auge gefassten Ideals, Bilder im Kopf oder in Musik oder Bildern verebbend – wie die Wirklichkeit, es gibt nur konträre Wirklichkeiten, solche, die sich nicht ergänzen oder anziehen, sondern abstoßen. Ich liebte nicht diese Mädchen, ich liebte die Ideale, in deren Rahmen nur ich sie sah – und wenn ein Blinder mit einem falschen Auge sehen kann, dann war ich sehr blind. Vielleicht konnte Ikarus auch nicht richtig sehen, und er musste deshalb auf die Schnauze fallen für diese Eigenschaft. Wie konnte es dazu kommen? Es ist schwierig zu erklären.

Will jemand wissen, wie es vonstatten geht? Ein Greifvogel verletzt sich an einem Flügel – er kann nicht mehr fliegen – es gibt zwei Möglichkeiten: der Flügel heilt von allein, zwar muss der Vogel längere Zeit hungern und ist mehr als einmal dem Tod nahe, aber es kommt der Augenblick, da er weiß, dass er wieder fliegen wird. Dieser eine Moment kann Jahre dauern.

Lebwohl Marylin, lebwohl Julie – wo ihr einst gewesen seid, es ist niemand von euch an eure Stelle getreten – ihr habt nie eine Stellung bei mir innegehabt, es war lediglich das Ideal, das ihr für mich versinnbildlicht habt. Auch sind eure unsterblichen Namen Sinnbilder, die rasch vergehen, wie Alkoholdunst im Kopf. Aber wenn kein Ersatz geschaffen wird, fühlt man sich irgendwann besser.

Was tun in solchen Fällen flügellahme Greifvögel? Kennen sie die Bodenverhältnisse?

Ich kenne die Bodenverhältnisse gut. Es gibt Frauen um mich herum, aber besondere Verehrung kommt ihnen von meiner Seite nicht entgegen. Es gibt sie, das genügt. Es gibt die Lahmheit im Flügelpaar des Ikarus und des verwundeten Greifvogels.

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