WOLF IN THE CITY # 20 – ES IST SOWEIT

EIGENTLICH sind es glueckstage: meine verwandtschaftlichen feinde sterben weg. eigentlich. sie fanden fuer sich ihre letzte ruhe & ihren frieden mit der welt, ich werde ihn nicht finden, im gegenteil. so oft ich das grab meiner eltern aufsuchen werde, die uebrigens ganz & gar nichts woelfisches an sich hatten, werden die anderen schon da sein, mit ihren knoechrigen fingern auf mich zeigen & mich anklagen, so, wie sie es zu lebzeiten auch taten.
so schoen koennen friedhoefe sein. eigentlich sind jene orte der letzten instanz des menschlichen daseins fremd fuer mich & andere woelfe in den staedten, ja, gerade fuer einen solchen in der stadt, muss ich betonen, wir haben dort im grunde genommen nichts zu suchen, wo die menschliche sucherei & neugier aufhoert zu existieren.
aber wir woelfe halten uns an keine vertraege, wir sind an nichts & niemanden gebunden, es braucht keine zuchtmethode, um unsere art erhalten zu koennen, wir genuegen uns selbst.
aber – wer waren diese toten im leben? einst ueberschritten sie eine grenze: sie demuetigten mich & andere lebewesen, dabei zeigten sie fuer einen winzigen moment ihr einziges, wahres gesicht, genau diesen wesentlichen moment vermoegen wir woelfe wahrzunehmen & aufzugreifen. die maske ist dann gefallen fuer immer, & es kommt die wahre, haessliche fratze des menschen darunter hervor. heisst es nicht haeufig: „Der mensch ist des menschen wolf.“?
dann ist es soweit, die grenze ist ueberschritten, die trennlinie zwischen wahrhaftigkeit & verlogenheit, zwischen wein & wasser – die goetter der menschen moegen ihnen allen verzeihen. meine goetter werden nur eines tun: lachen.
sie lachen auch mich aus, & das ist eigentlich ganz gut. sollen sie lachen. es gibt kein verzeihen, & ich erwarte auch keines, weder von den goettern noch von den menschen. es gibt aber ein vergessen nach dem tode. & dieses vergessen ist fuer die lebenden gedacht.
wir woelfe wissen nicht, wo unsere knochen dereinst vermodern werden, & es ist im grunde genommen auch egal, die menschen sorgen sich darum, sie aengstigen sich, was nach ihrem tod mit ihnen geschieht. sollen sie ruhig, die feindseligkeit soll ihre geringste sorge sein.

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